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12 Juni 2011

Pfingstpredigt

Johannes 16,5-15


Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat;
und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe.
Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.
Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
Und wenn er kommt,
wird er der Welt die Augen auftun
über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
§        über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
§        über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
§        über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Ich habe euch noch viel zu sagen;
aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.
Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
wird er euch in alle Wahrheit leiten.
Denn er wird nicht aus sich selber reden;
sondern was er hören wird, das wird er reden,
und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
Er wird mich verherrlichen;
denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.
Alles, was der Vater hat, das ist mein.
Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist das Wunder von Pfingsten, das ich jedes Jahr
meinen Kindern in der Schule erzähle.
Zuvor waren sie noch eingeschlossen,
eingeigelt: die ganze Nacht;
aber am Morgen überkommt sie dieses eigentümliche Rauschen,
wir sprechen ja auch von Begeisterung, als wäre
es so etwas wie ein Rausch.

Als Petrus aus dem Haus tritt, ist die Depression vorüber.
Es fällt von ihm ab -
vielleicht sogar genau in diesem Moment.
Zumindest wird es ihm da bewusst.
Und zugleich spürt er,
was vorher gewesen ist:
spürt den Unterschied.
Merkt es an der Veränderung, die ihn jetzt ergreift.

Und man sieht es ihm an,
objektiv.
Offensichtlich:
spürt man ihm ab - wie er sprüht.
Und wie das Wunder geschieht:
Dreitausend auf einmal ließen sich taufen.

Der Geburtstag der Kirche geht auf drei Erfahrungen zurück.
Der Geburtstag der Kirche antwortet auf eine vierfache Not.
Der Geburtstag der Kirche öffnet die Türen - endgültig.

Sprechen wir von den drei Erfahrungen:

§        Wir erleben, dass Menschen freveln, obwohl seit Golgatha die Sünde besiegt ist.
§        Das Gefühl der Gottverlassenheit bleibt, obwohl Jesus auferstanden ist. Und
§        Es scheint immer noch so, als würde die Welt von einem Andern regiert.

Und die vierfache Not:

§        Beim Frevel spricht man von Frivolität - das ist die erste Not.
§        Das Gefühl der Gottverlassenheit ist die zweite Not.
§        Und diese ständige Fremdbestimmung. Du bist angewiesen auf Gutachter
in der Politik, in der Technik, ja sogar im persönlichen Leben:
es kommt darauf an, was dein Arzt dir rät,
dein Ehepartner, und wenn du alt wirst deine Kinder.
Es muss gar nicht der Teufel sein; aber dein Leben ist mindestens zur Hälfte fremdbestimmt.

§        Und wenn du einen Ausweg suchst:
Egal wie du es drehst und wendest: Du bleibst auf die Hilfe Gottes angewiesen.
Das ist die vierte Not: Du willst dein Leben in die eigene Hand nehmen,
und bleibst doch letztlich hilflos.

Wir haben es beim letzten Abendspaziergang gespürt, beim Männertreff:
Da sind zwar gute Ansätze, aber werden sie nicht schön gerechnet, schöngeredet:
Wer will überprüfen, was die Stadtwerke auf ihre Tafeln schreiben!?
Ist die Ökologie tatsächlich so groß, wie sie geschrieben wird?
Herr Baier hat uns vorgerechnet: 700 Haushalte werden angeblich mit Energie versorgt.
Lass mal alle Herde in der Waldstadt zur Mittagszeit anspringen;
die Biogasanlage ist schnell erschöpft.
Und erneut beginnt die Suche nach einem Ausweg.

Sind die Phantasien des Geistes nicht längst ausgeschöpft!?
Wer denkt heute noch in jenen Fiktionen, mit denen einst Jules Verne
zum Mittelpunkt der Erde und um den Mond reisen wollte,
von menschlichen Kolonien auf dem Mars ganz zu schweigen:
Sciencefiction hat ausgedient;
die Voyager-Mission wird eingestellt.
Die Erdbevölkerung erreicht noch in diesem Jahr die 7 Milliarden-Grenze.

~~~o~~~

Ist das eine Lösung, dass wir uns auf Geistliches beschränken?
Ist das eine Lösung, dass wir die Weltprobleme ignorieren?
Ich gebe zu, es war für mich über viele Jahre eine der angenehmsten Versuchungen:
„Wir leben für den Himmel; die Erde interessiert uns nicht.“
„Politik ist ein schmutzig; Gottes Wille ist Heiligkeit.“

Ich war lange Zeit beeindruckt von dieser frommen Parole,
Politik habe mit Religion nichts zu tun,
wenn wir beten, dann täten wir
die Augen schließen und nach innen gucken,
in die Seele - letztlich in den Himmel hinein.
Gott zieht sich zu sich hin - alles Irdische wird gleichgültig.
So sah für mich lange Zeit Pfingsten aus.

Und dann erschien Roland Reagans Buch gegen die Abtreibung.
In einem christlichen Verlag.
Der diese Trennung propagierte.
Da war es offensichtlich:
Wer die Politik aus dem Glauben heraus halten will,
meint mit Politik nur immer das, wo er selbst dagegen ist.

Oft gehen die Argumente gegeneinander.
Ich kann jeden verstehen, der heute noch sagt:
„Wir wollen in der Kirche kein Parteien-Gezänk.“
„Wir haben eine andere Botschaft.“
Aber der Geist - sagt Jesus - wird euch in alle Wahrheit leiten.
Nicht nur den Durchblick geben im geistlicher Hinsicht:
Auch Klarheit in irdischen Dingen.
Es ist eben nicht so, dass es eine göttliche Wahrheit gäbe,
die jenseits aller Auseinandersetzungen liegt.
Jesu Geist ist all umfassend.
Dringt in jede irdische Ecke ein.

~~~o~~~

„Denn von dem Meinen wird er’s nehmen“, sagt Jesus.
Kennen sie irgendeine Ecke in Ihrem Haus, in der keine Luft ist?
Mag sein, dass das Licht der Flurlampe nicht mehr hinter die Garderobe leuchtet.
Aber die Luft ist auch in der Ritze hinterm Schlafzimmerschrank.
Du wirst jetzt nicht ständig den Schlafzimmerschrank vor rücken.
Aber wenn du es tust, wirst du sehen:
Auch dahinter ist Leben - und Spinnweben.

Versteht ihr:
Gottes Geist dringt jede Ritze hinein.
Die Luft, die uns umgibt - ein Bild für Gottes Geist.
Nichts ist dem Geist ähnlicher als die Luft, die uns umgibt:
Es heißt im Anfang sei der Mensch ein Erdenkloß gewesen.
Aber dann hat Gott tief eingeatmet
und dem Tonzwerg in die Nase geblasen.

Ein lustiges Bild.
Alles ist dran:
Die Finger, die Nase, der Po,
handwerklich geschickt geformt;
aber er bewegt sich nicht!
Da ist kein Blut drin!
Kein Leben.
Und dann pustet Gott.
Und die Puste - das ist der Geist.

An Ostern:
Die Jünger waren ängstlich, eingeschlossen.
Jesus tritt durch die verschlossene Tür:
„Nehmt hin heiligen Geist“, und dann bläst er.
Nimmt ihnen die Furcht.
Schenkt Glauben.
So etwas wie einen Vorschuss.
Aber eben auch: Atem.
Der Geist ist Jesu Atem.

Deshalb find ich es so toll, eine Atemübung zu machen.
Das ist wahnsinnig:
Mit der richtigen Anleitung kannst du
einen klaren Kopf kriegen,
Schmerzen weg kriegen,
grad stehen, die Wirbel aufrichten.
Aber was an Pfingsten passiert, das ist noch um Einiges schärfer als Atemübung.
Das ist mehr als Wellness,
mehr als Therapie.

~~~o~~~

„von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.
Alles, was der Vater hat, das ist mein“
Und: „Er wird mich verherrlichen.“
An Pfingsten wird Jesus neben Gott gestellt.
Und zwar deutlich sichtbar.
Vorher war er ein Mensch.
Und seine Mutter, Maria, hat gewusst: Er ist ein besonderer Mensch.
Sie hatte ja die Nachricht vom Engel Gabriel:
„Das Kind, das in dir ist, das ist vom Heiligen Geist.“
Aber die Menschen wussten das nicht:
„Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Und:
„ist er nicht Josefs und Marias Sohn,
wir kennen doch seine Brüder und Schwestern!“
An Pfingsten wird deutlich: Diese Schar von verrückten Juden,
die sich da auf Jesus eingelassen haben,
dieser schüchterne, verängstigte Haufen,
da fährt Gottes Wind hinein.

Solches Brausen hat man in Jerusalem gekannt.
Zumindest hat man davon gelesen.
Nach der Überlieferung war es eine Feuersäule gewesen
und des Tags eine Wolke - Gottes Gegenwart, in der Wüste.
Und als Mose das Zelt gebaut hatte,
genau wie Gott ihm aufgeschrieben hatte,
da war die Wolke in die Hütte eingezogen:
Gott ist gegenwärtig, die Schechinah.
Als König Salomo den Tempel vollendet hatte,
und zur Einweihung das Gebet sprach,
da sei die Schechinah vom Himmel herab gestiegen:
„Hier wohne ich.“
„Hier bin ich gern.“

Und an diesem Pfingsttag,
kam die Schechina:
nicht in den Tempel - sondern in diesem Haus,
in dem die verängstigte Schar der Jünger saß.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“
Gottes Tempel, das ist diese Hausgemeinde.
Der Ort, wo meine Ehre wohnt.

~~~o~~~

Und da werden die Gedanken klar.
Petrus streckt sein Rückgrat und tritt aus dem Haus.
Da sammeln sich die Wirrungen in seinem Gehirn
und kristallisieren sich zu klaren Gedanken.
Da geht ein Ruck durch sein Herz
und die Zunge rührt sich:
klare, wohl überlegte
Worte der Erkenntnis.
Versteht ihr: Der Fischer vom See Genezareth,
der Mann, der durch Jesu Glaubensschule gegangen ist,
der Herzensgebildete spricht jetzt klare Worte.

Spricht mit jenem Temperament, das schon oft mit ihm durchgegangen ist,
Spricht mit demselben Mut, den er schon zu Lebzeiten Jesu hatte.
Aber jetzt spricht er klar und deutlich.
Der Geist durchdringt Herz und Verstand.

„Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
wird er euch in alle Wahrheit leiten.“
Der Geist war kein spirituelles Erleben.
Er war ein Zeichen am Himmel und im Herzen zugleich.
Und was dazwischen gekommen ist:
Zwischen Erde und Himmel,
das ist die Kirche.
Nicht der Tempel,
nicht das Gotteshaus,
sondern der Ort, wo man klare Gedanken spricht.

~~~o~~~

Der Atem Gottes hat die Gestalt der Wahrheit.
Und Wahrheit ist immer mehr, als wir schon wissen.
Wahrheit überkommt dich, überrascht dich.
Manchmal verbirgt sie sich, wie die Spinnweben hinter der Wand.

Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat;
und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
Du kannst nicht alles hinterfragen.
Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
Du hast genau gespürt, da ist noch etwas.
Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe.
Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.
Und dann ereignet sich die Wahrheit:
Du hast dir eingeredet, es muss so sein.
Aber jetzt weißt du: Es gibt noch etwas,
das größer ist und schöner als Melancholie und Zufriedenheit.
Anregend für Herz und Verstand
- und so schön, als wäre Jesus selbst bei dir. Amen.

24 August 2009

Kaffee, Schnaps und Sahnehäubchen

Ein Gläschen Schnaps in den Kaffee und oben drauf die Schlagsahne. Fertig ist der Pharisäer. Das Auge kann den Alkohol sowieso nicht sehen. Jetzt kann ihn die Nase kann auch nicht riechen. Die Schlagsahne dient als Versteck.
Auf den ersten Blick etwas Anderes, als in Wirklichkeit.
Oberflächlich schön, in Wirklichkeit ganz schön alkoholisiert.
Kaffee, Schnaps und Sahnehäubchen -
Damit bin ich beim Thema meiner Predigt:

Der „Pharisäer“ ist Inbegriff dafür, dass der äußere Schein trügt.
Das Klischee hat Jesus selbst benutzt. Und dieses Klischee hat gewirkt,
bis in die Benennung eines Ostfriesischen Getränks hinein.
Eigentlich meinte er aber nicht den Pharisäer seiner Zeit.
Und die Prediger der Alten Kirche, die dasselbe Klischee übernahmen,
konnten die Pharisäer auch nicht meinen.
Nicht die eigentlichen jüdischen Pharisäer,
sie meinten das Pharisäische im Christentum.
Pharisäer, das sind immer auch wir. Ich lese den Predigttext aus Lukas 18,9-14:
II
Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Er hätte das Ganze auch mit dem letzten Satz sagen können.
Dann gäbe es dieses eigentümliche Getränk namens Pharisäer nicht.
Jesus wollte nicht nur eine These aufstellen. Jesus wollte nicht nur
das harte Brot moralischer Thesen. Er wollte uns eingängig erzählen, was Sache ist.
Drum benützt er solch ein Bild,
erzählt süffisant
von inneren Konflikten,
im Tempel, in der Kirche,
in der einen religiösen Gemeinschaft
gibt es solche und solche. Und oft
ist der Bruch auch in dir drin.
Da ist die Pharisäerseele,
und die Büßerseele.
Beide können selbstgerecht werden; beide können echt sein.
Wesentlich ist - dazu dient der Schlusssatz - ob du dich damit produzierst.
III
Man kann sich nämlich auch pharisäisch selbst erniedrigen. Die Fromme Helene ist das klassische Beispiel. Gezeichnet von Wilhelm Busch:
  • Doch ist Helene nicht allein
    Nur auf sich selbst bedacht. - O Nein! -
  • Ein guter Mensch gibt gerne acht,
    Ob auch der andre was Böses macht;
  • Und strebt durch häufige Belehrung
    Nach seiner Beßrung und Bekehrung.

In einer Welt der Zwiegespaltenheit
ist die Jungfer Helene gar nicht die eigentliche Pharisäerin,
obwohl das Ebenbild der Frömmlerin, die ihrer selbst nicht Herr geworden ist und am Ende in der Hölle landet

  • Es ist ein Brauch von alters her:
    Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

Im Abgesang ist es der Zuschauer selbst, den Wilhelm Busch als Onkel Nolte zeichnet und den er uns als Spiegel vor die Augen hält:

  • Als Onkel Nolte dies vernommen,
    War ihm sein Herze sehr beklommen.
  • Doch als er nun genug geklagt:
    »Oh!« - sprach er - »Ich hab's gleich gesagt!
  • Das Gute - dieser Satz steht fest -
    Ist stets das Böse, was man läßt!
  • Ei, ja! - Da bin ich wirklich froh!
    Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!«

Das ist der Pharisäer, dieses „Ich hab’s gleich gesagt.“
Und sein typischer Satz lautet: „Gott sei Dank! Ich bin nicht so!“

IV

Wir haben da so eine protestantische Spielart des Pharisäertums.
Die institutionalisierte religiöse Selbstbestimmung.
Dass jeder selbst für seinen Glauben verantwortlich ist, hat sich nicht nur bei uns Potestanten festgesetzt; auch mancher Katholik meint, mir mit solchen Sprüchen schmeicheln zu können:
Herr Pfarrer, man muss doch nicht zur Kirche rennen, um Christ zu sein.
Ich kann ja auch zu Hause beten. Und in der freien Natur bin ich Gott auch nahe.
Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie oft ich zur Kirche gehe,
Das ist ein weit verbreitetes, scheinbar emanzipiertes Denken.
Und man kann ja auch überhaupt nichts dagegen sagen, nur:
Die Art, wie das dann vorgetragen wird,
mit diesem Unterton der Selbstrechtfertigung,
der ja im Grunde unterstellt, dass der Gott etwas anderes von uns verlangt,
und voraussetzt, dass es den Zwang zum Kirchgang eigentlich auch gibt,
- den es in Wirklichkeit noch nie gegeben hat -
- aber das wollen die Leute in ihrer Zwanghaftigkeit nicht wahrhaben -
diese Eigenmächtigkeit, die in solchen Sätzen mitschwingt,
die selbsterlösende Forderung, Gott müsse mir gnädig sein,
auch wenn ich die von mir erfundenen Gesetze Gottes nicht erfülle,
das ist das eigentliche, modern-preußische Pharisäertum,
das gerade nicht sagt: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute,
sondern: Ich danke mir selbst, ich bin nun mal so wie alle anderen.

Dass er vordergründig überhaupt nicht raubt, betrügt, die Ehe bricht,
aber voller Stolz spricht Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie diese Kirchgänger,
diese Selbstgerechtigkeit mit der man sich heute
nicht von den Zöllnern absetzt, sondern von sich selbst behauptet, kein Heuchler zu sein,
die ist das wahre, emanzipierte Pharisäertum.

Es gehört zum Guten Ton, dass man als Christ voller Stolz und selbstbewusst
das Fasten aufgegeben hat, und keinen Zehnten mehr gibt,
und dass man sich lächerlich macht über die Frömmigkeit der Muslime,
die den Ramadan halten, nach Mekka pilgern und fünfmal täglich ihr Gebet verrichten.

Ich darf mit einem verschmitzten Lächeln hinzufügen,
um die ganze Litanei auf die Spitze zu treiben:
Gott sei Dank, dass hier und heute
in diesem Gottesdienst keine solch selbstgerechten Menschen sind.

V

Es ist im Christentum durchaus üblich,
zum Morgen und zum Schlafengehen ein Gebet zu sprechen:
Schlagen sie in Ihrem Gesangbuch die Nummern 808 auf und die Nummer 814: da finden Sie
den Morgensegen, und den Abendsegen,
und das Tischgebet.
Ich werde nicht müde zu unterstreichen, dass wir dreimal täglich mit unseren Glocken zum Vater Unser rufen. Und das Fasten ist nicht erst mit 7WochenOhne wieder in die Mode gekommen; in der alten Kirche hat man zweimal die Woche gefastet, obwohl die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner durchaus geläufig war. Religiöse Übung verstößt überhaupt nicht gegen die christliche Freiheit; im Gegenteil.

Eigentlich hatte der Pharisäer ja recht: Es war gut, dass er kein Räuber war, kein Betrüger oder Ehebrecher. Und kein Nazi-Spitzel, und keiner von der Stasi oder vom CIA. Diese Zöllner waren nun mal Kollaborateure!

Es war doch nicht falsch, dass er zweimal in der Woche gefastet hat. Und der Zehnte, das war damals die einzige Form von einer Sozialversicherung. Heute liegt sie bei 20 Prozent nur für die Altersvorsorge: Wir alle zahlen sie. Und dazu noch Krankenversicherung, und Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag.

Aber dass er den Schatten in seiner eigenen Seele nicht sieht, das hat man ihm vorgeworfen.
Dass er über all seiner religiösen Aktivität sich abgrenzt von diesem Zöllner und Sünder,
der mit ihm im selben Tempel steht und betet, das hat Jesus kritisiert.

VI

Diese starke Verbundenheit über das Sakrament in der Katholischen Kirche nimmt ja immer mehr ab. Die Frömmigkeit wird moderner, reflektierter, protestantischer. In unserer Kirche gab es schon immer eine Tendenz zu mehr Nachdenken; die Predigt und die Schriftsauslegung steht eher im Vordergrund. Da hat die Katholische Frömmigkeit inzwischen nachgezogen: In unsere Bibelwochen kommen viel mehr katholische Mitchristen als Evangelische. Man hat den Eindruck, die protestantische Schriftfrömmigkeit sei ausgewandert in die Schwesterkirchen. Zumindest landläufig und in der Volksfrömmigkeit hat sich die evangelische Freiheit im Protestantismus längst deformiert zu einer Unverbindlichkeit. Über kurz oder Lang wird diese moderne Beliebigkeit auch die anderen Kirchen erreichen, wenn wir nicht gemeinsam im Tempel stehen und um Gottes Wort ringen.

Hauskreise - oder wie sie in der katholischen Kirche heißen „Familienkreise“ - haben weitgehend die Bibelstunden ersetzt. Es gibt eine neue Untersuchung darüber - eine der spannendsten Entdeckungen aus meinem Kontaktstudium: Ein pensionierter Dekan aus Württemberg hat darüber seine Doktorarbeit geschrieben. Er kommt zu dem Ergebnis: Hauskreise sind eine Schule demokratischer Tugenden. Man übt sich in der Freie Rede, im spontanen Formulieren und Diskutieren. Gewissermaßen als Nebeneffekt neben dem Studium der Heiligen Schrift hält der Gesprächskreis geistig rege. Ich hab im Gemeindebrief ein wenig darüber geschrieben und angekündigt, dass ich die Predigt am Reformationstag darüber halten will. Da gibt es ein Element gemeinsamer Frömmigkeit, das wir als evangelische und katholische Christen ausbauen müssen.

VII

Da stehen sie also nebeneinander und beten, die Zöllner und Sünder - und die Pharisäer.
Und könnten Gemeinschaft miteinander pflegen.
Stattdessen reden sie aneinander vorbei
und gehen unverändert wieder zurück.
Der eine - so vermutet Jesus - ein wenig mehr gerechtfertigt.
Also mit Gott eher in Ordnung als der andere.
Aber so ganz in Ordnung eben doch auch nicht.
Etwas fehlt auch ihm: Dass er von Menschen angenommen worden ist.
Eine bittere Wurzel ist geblieben:
Sein gebet wurde von Gott erhört,
aber eben nur von Gott.

Der einzige, der tiefer blickt, ist Jesus, der von ihm erzählt.
Und wir, die wir von ihm erzählt kriegen, wir wissen,
dass vor Gott sein Gebet, sein kurzer Seufzer zählt.
Dem andern, dem Pharisäer, müsste erst noch jemand davon berichten,
müsste ihm ins Gewissen reden, ihm zeigen, dass er zwar äußerlich
richtig liegt, aber tief im Herzen noch verbogen ist,
verkrümmt, verliebt in sich und seine Selbstliebe.

VIII

Erst dann wird der Pharisäer bemerken, wie sehr er dem Zöllner gleicht.
Sobald er erkennt, wie schwer es ist, kein Pharisäer zu sein.
Da kommt auch über seine Lippen dieser erlösende Satz,
der nicht erlöst, weil er als Satz nachgesprochen worden ist,
sondern weil er Ausdruck einer großen, tiefen, leidvollen Erkenntnis ist:
Ich komm nicht raus aus meiner Überheblichkeit.
Ich kann meine Selbstgerechtigkeit nicht überwinden.
Aus eigener Kraft - schaffe ich es - nicht!
„Gott sei mir Sünder gnädig!“

Und da sind beide genau wie wir.

IX

Fromm sein, liebe Schwestern und Brüder, ist etwas Schönes.
Es kann ungeheuer stark sein, innerlich
und das Aussehen eines Menschen verändern.
Nicht dass man die Stigmata Christi trägt wie Franziskus
oder eine schleife im Haar wie die Schwestern von Adelshofen:
eine Ordenstracht wird nur von Wenigen erstrebt,
mystische Erfahrungen sind heute meist anderer Natur.
Aber wir wissen, in der katholischen, und in der gemeinsamen Kirchengeschichte genauso wie im modernen Protestantismus gibt es Gruppen, Vereinigungen, Organisationen,
die sich gegenseitig beistehen, einander helfen im Glauben zu leben
und sich auch gegenseitig korrigieren, wenn es Fehlentwicklungen gibt:
sowohl in Richtung falscher Selbstgerechtigkeit
als auch ins andere Extrem: Demut kann Krankhaft werden,
der Versuch der Jesusnachfolge eine Seele verkrümmen.
Echte Frömmigkeit findet ihren Weg zwischen den Extremen
von Pharisäertum und Bigotterie.

X

Echte Frömmigkeit ist schwach.
Es ist nicht mehr als ein Seufzer,
den der Zöllner zu sprechen wagt,
und auch der Pharisäer, wenn wir es ihm gesagt haben,
wenn er gelernt hat, wie erbärmlich er eigentlich ist:
wie gottserbärmlich - „Gott sei mir Sünder gnädig“
„Gott erbarmt sich - hoffentlich - über mich“.
Mehr sagen kann er nicht; aber dieser Seufzer ergreift Seele und Leib.
Und hoffentlich auch dich, der du den Auftrag hast,
ihm seine Schwachheit zu predigen,
vor Augen zu halten, wer er wirklich ist,
bangend und zitternd.
Denn auch du bist nicht sicher, ob die Wort stark genug ist,
den Zöllner und den Pharisäer zu erreichen.
Wahre Frömmigkeit zeigt sich in der Schwachheit.
In der Schwachheit bist du stark,
nicht weil du schwach bist,
sondern weil sich Gott über deine Schwäche erbarmt.
Aus diesem Bangen und diesem Zittern
wirst auch du fromm sein, mit Leib und Seele, durch und durch.

Σ

Ich mag keinen Pharisäer. Vielleicht weil ich kein Ostfriese bin.
Ich kann diesem Geschmack von Schnaps oder Rum im Kaffee nichts abgewinnen.
Man könnte ja die These aufstellen, dass die wenigsten Menschen tatsächlich gern Kaffe mit Schnaps und Sahnehäubchen trinken, und dass sie einfach gern mit dieser Form von Pharisäertum kokettieren. Aber das ist nun wirklich eine Spekulation.

Ich persönlich jedenfalls ziehe den Cappuccino vor. Im Italienischen Sommer mag ich vormittags diese Kaffees mit aufgeschäumter Milch. Und diesen trinke ich dann mit Zucker, obwohl ich normalerweise den Kaffee schwarz trinke. Ich nehme ein Tütchen Zucker und streue es oben drauf. Das macht das Sahnehäubchen so schön knusprig. Und dann löffle ich es genüsslich ab. Und ein teil von der Zuckerkruste sinkt hindurch und süßt den gesamten Kaffee; manchmal braucht’s ein Löffelchen extra. Das reicht manchmal sogar als Zwischenmahlzeit. Cappuccino macht stark.

Ein guter Cappuccino ist aus stark gebranntem Kaffee gemacht.
Aber es fehlt - wie beim Pharisäer - die alkoholische Schärfe.
Und er ist durch und durch süß.
Ein Wohlgeschmack für unsere Nerven,
vielleicht eben solch ein
Wohlgeschmack,
wie es
ein durch und durch frommer Mensch für Gott ist. Amen.

06 Juli 2009

Erträge

Aus Exegese und Kirchengeschichte, Soziologie und Kulturanthropologie, aus der Lebenswelt meiner Mitarbeiter und Mitchristen ebenso wie aus den Denkbewegungen abstrakter Philosophie erfahre ich neuen Mut und viele Anregungen, meine Arbeit als Geistlicher in Kirche und Gemeinde weiterzuführen.

Ich freue mich neu auf das Wirken des Geistes in der Gemeinde der Getauften und möchte die Gemeinschaft vor Ort ebenso ernst nehmen wie die selbstkritischen Impulse der Theologie. Das Evangelium birgt ein großes Potential, sich selbst in Neues einzufügen, und es gibt Ant-worten auf moderne Fragen, erstaunlicherweise auch im Rückgriff auf alte Traditionen. Diese Entdeckungsreise macht Spaß; ich hoffe, ich kann die damit verbundene Freude weitergeben.

Dass ich ausgerechnet zu dem Buch von Richard Reininghaus über Hauskreise gegriffen habe, liegt wohl darin begründet, dass ich mich schon lange mit der Frage beschäftigt, wie in der Volkskirche eine fundierte Bibelfrömmigkeit gepflegt werden kann. Ich konnte während des Kontaktstudiums zweimal an einem Hauskreis teilnehmen, der deutlich von der Tradition der Evangelischen Akademikerschaft geprägt ist. Ich stamme aus einer Gemeinde, die von der wöchentlichen Bibelstunde geprägt war. Ob der Hauskreis eines Pfarrers eine Mischform wird, möchte ich gerne sehen.

Predigen werde ich - im Nachgang zum Paulusjahr bereits angekündigt - über die Auferstehung nach 1. Korinther 15; die neue Perspektive auf Paulus wird hier auf jeden Fall einflie-ßen. Und für die Prädikanten des Kirchenbezirks werde ich eine Andacht zum Torgauer Kan-zelrelief halten. Angeregt von diesem Predigttext könnten wir vielleicht auch die Tradition der Kirchweih neu in der Gemeinde aufgreifen.

Die Bultmann-Biographie werde ich mir zu Weihnachten wünschen, die Parallaxe von Žižek weiter studieren, und natürlich die Exegese des Hebräerbriefs weiterführen! Was im Alltag der Gemeindearbeit davon zu bewältigen ist, kann ich noch nicht einschätzen; ein wöchentli-cher Studientag lässt sich als voller Kalendertag nach meiner Erfahrung nicht organisieren. Vielleicht kann ich ab und zu einen Fernsehabend durch Studium ersetzen.

Für Badische Pfarrer müsste eine Möglichkeit eröffnet werden, an den Denkvorgängen der Fakultät per eLearning teilzunehmen. Die Vorlesung Lienhardt’s zum EKD-Positionspapier „Kirche der Freiheit“ habe ich im Elektronischen Semesterapparat verfolgen können. Als Kontaktpfarrer haben wir einen Abend lang mit dem Dozenten, und beim Bischofsgespräch über die Badische Rezeption im Leitbildprozess diskutiert. Die Begegnung mit Herrn Lienhardt hat mich ermutigt, in meinen beiden Pfarreien weiter einer Milieuverengung entgegenzuwirken; auch auf dem Lande kann hier meines Erachtens arbeitsteilig vorgegangen werden.

Einer der Lehrvikare, der an meiner Umfrage zur Predigt mit dem Hebräerbrief teilgenommen hat, schrieb im Blick auf die schwer verständlichen Passagen dieses Briefes „es wäre schade, wenn man diese Klippen umschifft und nicht auf diesen Inseln anlegt um sich umzusehen. Mag sein, dass man schnell wieder ablegt. Die Erfahrung nimmt man trotzdem mit.“ Das Kontaktstudium war für mich eine solche Insel.

Ich habe gerne angelegt.

Sacrificium, Victim und Offertium

Eine dreifache Differenzierung des deutschen Opferbegriffs hat Walter Sparn (NZSyTh 50, 2008) vorgelegt. Alle drei begrifflichen Nuancen haben in der kirchlichen Praxis ihren Ort.
  1. Die Deutung des Opfers Jesu als Sacrificium antwortet auf die die ungelöste und unlösbare Frage zwischenmenschlicher und religiöser Verfehlung. Das ethische Dilemma dass wir töten müssen, um in der Nahrungskette zu überleben, hat schon in der menschlichen Vorgeschichte Opferrituale hervorgebracht. Hier kann die Abendmahlsfrömmigkeit das Eph Hapax des Heb-räerbriefs betonen als Verweis auf ein grundlegendes, im Himmel vollzogenes Geschehen.
  2. Die Deutung des Opfers Jesu als Victim in Solidarität mit anderen, umgangssprachlich begriffenen Opfern (der Globalisierung, des Verkehrs, sexuellen Missbrauchs etc.) muss aus ethischen Gründen thematisiert, darf jedoch nicht mit den anderen Verständnissen des Opfers vermischt werden. Das Eph Hapax des Hebräerbriefs gehört als Abwehr aktualer Victimisierungen vor allem in die Predigt und in die Ethik.
  3. Die Deutung des Opfers Jesu als Offertium kommt meines Erachtens sehr schön in einer Liturgie der Church of South India zum Ausdruck, die vor wenigen Jahren von der Badischen Landeskirche verteilt wurde: Vor dem Abendmahl findet eine Kollekte statt, die dann gemeinsam mit den Abendmahlselementen und einer Schale Blütenblätter auf den Altar getragen wird. Die Bezüge zur Heilgeschichte über den Palmsonntag hinaus sind in der protestantischen Volksfrömmigkeit weitgehend unterbelichtet. Mit Sigrid Brandt würde ich gern betonen, dass die Lebenshingabe Jesu mit Weihnachten beginnt und in die Neuschöpfung mündet. Die Gemeinde als Offertium spreche ich dankbar an, wenn ich im Abendmahl das „Ihr seid der Leib Christi“ betone und das Kreuz nicht (nur) über den Elementen, sondern über der Gemeinde schlage.

Kultmetaphorik

War die christliche Gemeinde ursprünglich im Haus verortet, so teilt sie dieses Schicksal mit der jüdischen Gemeinde, die sich sowohl im Tempel als auch im Gegenüber zum Tempel organisiert; die Synagoge entstand möglicherweise aus drei oder vier unterschiedlichen Traditi-onen; genannt werden - mit unterschiedlichen Plausibilitäten: das „Haus“, das Tor, die Versammlung der Standmannschaften, der hellenistische Verein. Jede dieser drei Größen hatte eine eigene Funktion, bildete im Lauf der Geschichte einen eigenen Umgang mit dem Kultus aus und bot unterschiedliche Formen kultmetaphorischer Deutung: Nicht nur in Verarbeitung der Ereignisse des Jahres 70 n Chr, sondern schon zuvor, bedingt durch unterschiedliche Dis-tanz zum Jerusalemer Tempel, an dem sich der Gottesdienst zentralisierte, und auf den sich das kultische Denken bezog.

  1. Der Tempel mit dem Schwerpunkt Opfer und der Möglichkeit zu Lehre, persönlichem und öffentlichem Gebet Sowie dem Gesang der Standmannschaften.
  2. Die Synagoge mit den Schwepunkten Thoralesung und Unterweisung und der Möglichkeit zum Öffentlichen Gebet, dem Gesang der Standmannschaften, eventuell auch Mahlfeiern anlässlich besonderer Feste; aber auf jeden Fall: Keine Opfer
  3. Das Haus mit dem regelmäßigen Deipnon/Symposion und der Möglichkiet zu Almosen, Fasten, Beten, Gemeinschaft (1. Kor 11), Thora-Observanz, Unterweisung. Hier fand auf keinen Fall irgend ein Kultus statt.

Mahlfeiern, wie Jesus sie mit seinen Jüngern häufig gefeiert hat, haben ihren Ort im „Haus“; selbst das Passahmahl hat in sich keinen kultischen Charakter, wenngleich dieses Mahl die innigste Verbindung zwischen Kult und Hausfrömmigkeit im Judentum aufwies: Die Lämmer zum Passahfest waren zuvor im Tempel geschlachtet worden. Die Lesung von Thora und Propheten nach einem festen Lesezyklus gehören in die Synagoge, die in Palästina ursprünglich vor allem Ort der Lehre und des Lernens gewesen ist. Zwar überschneiden sich die Funktionen der drei Sozialgestalten; dennoch sind klare Zuordnungen und Ausschlüsse zu beschreiben.

Bei Wegfall des Tempelkults ergeben sich verschiedene Optionen. Das Christentum als jüdische Bewegung hat daran Anteil gehabt:

  1. Der Vollzug des kultischen Tempelopfers wird in eine unbestimmbare Zukunft projiziert („eschatologisch“ oder als Naherwartung „übers Jahr in Jerusalem“)
  2. Die Gemeinde ersetzt kultisches Denken durch ethische Implikationen der Kultkritik.
  3. Kultische Elemente im „Haus“ vermischen sich mit der magisch-sakramentalen Vergegenwärtigung (des Kaisers) beim hellenistischen Symposion.
  4. Elemente der Hausfrömmigkeit tauchen in der (christlichen) Synagoge auf (so etwa das deipnon).
  5. Hausgemeinde und Synagoge bleiben erfolgreich resistent gegen kultischen Vollzug, transformieren diesen jedoch:
    a. zu einem Wortgeschehen
    b. zu einem himmlischen Geschehen
    c. zu einem ethischen Vorgang

Die Metaphorik scheint so stabil gewesen zu sein, dass wir der Annahme folgen müssen, dass diese Bildwelt eine menschliche Grundbefindlichkeit anspricht, die durch nichts zu ersetzen ist. Dies jedoch mit RENÉ GIRARD in einem Urmythos zu begründen, der die Gesellschaft im Opfer konstituiert, scheint mir mit der biblischen Urgeschichte nicht vereinbar. Im christlichen Kultus muss Schöpfung und Neuschöpfung dem Agnus Dei voraus gehen. Das hat Auswirkungen auf die Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie auf das Verständnis des Opfers als Sacrificium, Victim und Offertium.

Freude an der Predigt

„Was könnte Ihnen helfen, mit (mehr) Freude über Texte des Hebräerbriefs zu predigen?“ Ursprünglich eingeführt, um den Teilnehmern der Umfrage eine Fortbildung in Aussicht zu stellen, löst ein zweiter Blick die Frage nach den emotionalen Implikationen der gesamten Umfrage aus: Welche Effekte löst es aus, wenn der Begriff der „Freude“ in den homiletischen Umgang mit biblischen Texten eingeführt wird?
Insgesamt erscheint die Predigtarbeit als ernste Tätigkeit. Selbst Kreativität ist anstrengend: nicht nur beim Hebräerbrief erlebt einer der Exegeten das „Stöhnen über die Begrifflichkeit“. Wenn die Predigt dann anschaulich geworden ist, stellt sich mit dem Gefühl des Gelingens ein - mit Freude immerhin verwandtes - Glück ein.
Es gibt Lieblingstexte im Kanon, die nicht so sperrig sind, und wer sich der Herausforderung stellt, erlebt dass „aus dieser Spannung … Spannendes entstehen“ kann: Mehr als bodenständige „Zufriedenheit“ löst dies eine freudige Erwartung aus.
Diese Beispiele spiegeln die Grundbefindlichkeit der Prediger: Zeitlich überwiegt die harte Arbeit am Text; die Freude am Vortrag des gelungenen Werks hält für den Augenblick. Die Freude des Evangeliums leuchtet aus Gründen des Berufsethos und der kreativen Anstren-gung nur kurz auf und dominiert die berufliche Erfahrung nicht.
Tief im kultischen Sprachgebrauch geerdet ist einer der Prädikanten, der in sich „selbst … genug Freude, die Herausforderungen des Hebräerbriefs anzugehen“ findet, und in dem „sich selbst hingebende(n) Gott in Christus für seine Menschen“ die „großartigste Botschaft“ sieht. Mit einem Aufmerksamkeit heischenden und zu gleich jubelnden Ausrufezeichen endet seine Stellungnahme: „Das ist Liebe pur!“ Eingebettet in die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen erlaubt er sich, emotionale Affekte der Freude anklingen zu lassen. Hier tritt - neben die Glückserfahrung kreativen Ringens und exegetischen Erfolgs - eine theologische Notwendigkeit von Freude, die motivierend den kreativen Prozess von Anfang begleitet.
Die Idee, dass Predigt beim Prediger Lust erzeugt, und die zwanzig Minuten des Predigtvortrags Motivation für eine vorlaufende Anstrengung bieten, habe ich - unter anderen Vorzeichen - neu entdeckt.

Erweiterung der Milieuperspektive

Mit den Milieuforschungen von Schulze und vor allem den Studien des SINUS-Instituts habe ich mich bereits in meiner Magisterarbeit zum Abschluss des EB-Studiums im Jahr 2003 befasst. Dass kirchliches Handeln zwei Drittel unserer Gesellschaft ausblendet und sich im Wesentlichen in drei der elf Milieus wiederfindet, wird sowohl von evangelischer als auch von katholischer Seite mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen problematisiert. Milieubeschreibungen dürfen allerdings keine statischen Festlegungen bewirken; sie haben heuristischen Charakter als Orientierungshilfen. Die zunehmende Verarmung im Zuge der Finanzkrise und die schnelllebige Transformation gesellschaftlicher Werte erfordern eine ständige intensive Aktualisierung. Angesichts des damit verbundenen hohen Forschungsauf-wands erscheint mir ein Ergebnis aus den Beobachtungen der Frankfurter Empirischen Theo-logie wichtig:
Da Milieus keine festen Gruppen darstellen, driften die Befragten möglicherweise allein auf Grund der religiösen Fragestellung in ein anderes Milieu. Dass Menschen ihr Sprachspiel und den damit verbundenen Wertekanon spontan verändern, sobald sie auf religiöse Themen angesprochen werden, hat sich in Umfragen zur religiösen Alltagskultur (Empirische Theologie) gezeigt. Professor Lienhardt wies auf eine entsprechende Studie aus Frankreich hin: mit zu-nehmender Kirchen-Distanziertheit werden die Muster konservativer. Auf jeden Fall verän-dern sich die Menschen mit der religiösen Fragestellung der Befragung. Ich ziehe daraus eine doppelte Schlussfolgerung:

  1. Religionssoziologische Befragungen konstruieren möglicherweise ein andere Zusammensetzung, oder sogar ein neues Spektrum gesellschaftlicher Milieus.
  2. Religiös befragt geben die Menschen andersartige Auskünfte; so kommt es im Subjekt zu Divergenzen zwischen religiöser und nichtreligiöser Alltagskultur.

23 Juni 2009

Der Zwölfjährige Hohepriester

Bei meinen Recherchen in der Heidelberger Predigtforschungsstelle stieß ich auf die Darstellung des Zwölfjährigen Jesus als sitzender Gelehrter. Sie findet sich als Relief an der Kanzel der Schlosskirche von Torgau, jener Kirche, die 1544 von Martin Luther als erste reformatori-sche Kirche eingeweiht worden ist - die Kirchweihpredigt Luthers ist in der Liturgiegeschich-te bekannt; das Kanzelrelief weniger: Fritz Thum hat es im homiletisch-liturgischen Korres-pondenzblatt NF 51/1996 aufgenommen in einer Predigt zu Hebräer 8 als Ausdruck genuin protestantischer Schriftfrömmigkeit und Illustration der Kirchweihpredigt Luthers, dass diese Kirche mit dem rechten Weihwasser besprengt werde, nämlich mit dem Worte Gottes und dem Räucherfass des Gebets. „Der erhöhte Christus rettet seine Kirche vor dem Sündenfall der Banalität“ - so möchte ich die Predigt des Torgauer Kanzelreliefs umschreiben. Der Pre-diger, der diese Kanzel besteigt, wird stets daran erinnert, dass Jesus der wahre Lehrer der Kirche ist, und durch seine Lehrtätigkeit göttliche Autorität und Versöhnung übt, innere Reli-gionskritik übt und Heil für Seele und Leib. Dieser Aspekt kommt in den Seitenbildern zum Ausdruck: Die Begnadigung der Ehebrecherin mit dem Verweis Jesu auf den Sinn des ge-schriebenen Wortes (er schreibt in den Sand, im Hintergrund die Tafeln des Dekalogs); die Reinigung des Vorhofs, um den Zugang zum Allerheiligsten neu zu eröffnen (im Hintergrund die eherne Schlange als Gleichnis für den am Kreuz erhöhten Christus).

28 Mai 2009

Crucifixus

Von zwei Seiten erweist sich das Kreuz als ein abstraktes Zeichen. Vom Christlichen aus betrachtet ist es das Zeichen für die inneren Vorgänge um die Kreuzigung, vom Jüdischen aus das Bild einer Lücke, einer noch nicht vollzogenen Versöhnung des jüdischen Volkes mit seinem Gott durch den Messias. Es sind vier Aspekte, die eine sachliche Identität von Thron und Kreuz begründen:

  • Man bildet das jüdische Königtum infolge seines Scheiterns in eine Theokratie um und formt den königlichen Thron Salomos zum Kreuz; indem man den bildlosen Gott annimmt und die bildhafte Struktur des Salomonischen Throns im Kreuz zur Unkenntlichkeit deformiert, nimmt man das Kreuz als zeichen dafür, dass die Aussöhnung noch nicht stattgefunden hat.
  • Christus ist König, der neue Salomo, aber er ist den Christen König, nicht den Juden; de semiotische Aspekt verweist auf die Gleichheit von Kreuz und Thron, indem sich Kreuz und Thron zeichenhaft ineinander umformen lassen; im Zeichen des Kreuzes verknoten sich die inneren Vorgänge um die Kreuzigung.
  • Christus stirbt nicht am Kreuz um sich in den Himmel zurückzuziehen, sondern um eine neue Religion zu stiften und für immer zu bleiben. ER stirbt, um mit den Tugenden der Liebe, des Gehorsams und der Duldsamkeit den Leib zu überwinden, den Menschen zu erhöhen und mit Gott auszusöhnen. Die Versöhnung besteht darin, dass der Sohn göttlicher Vater und Mensch zugleich ist und am Kreuz die Schuld auf sich nimmt und tilgt.
  • In der Form des Kreuzes ist der Stuhl ein Zeichen für die Anwesenheit wie die Abwesenheit des Messias, das Zeichen für die Negation eines paradiesischen Seins der Juden. Den Christen gibt das Kreuz eine Identität und söhnt sie mit dem Vater aus, so dass mit dem Beginn des Christentums der Weg geebnet ist, die Herrschaft Gottes auf den Menschen zu übertragen. Das Mittel zu dieser Übertragung ist der Thron in der Form des Kreuzes.

So erweist sich da Kreuz Christi als die zweite von Menschenhand geformte Gestalt auf der Suche nach einem dem Menschen angemessenen Stuhl. Es formt sich auf der Schwelle zwischen den beiden Paradiesen von Genesis und Apokalypse und wird der Umschlagpunkt, an dem den Christen das Göttliche ins Menschliche drängt. Im Kreuz erlangt das Sitzen seine abstrakteste, der Thron seine unerträglichste Gestalt.

(Hajo Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München: Hanser 1993, S. 6667)

Eine Sicht, die stark von einem religiösen Entwicklungsdenken ausgeht und ein Selbstbewusstsein pflegt, das sich als Christliches dem Jüdischen überlegen sieht. Mithin ein überraschender Blick auf das Kreuz als minimalisierter Thron, insofern ein kulturkritischer Impuls auf bürgerliches Hocken ebenso wie auf elitäres Thronen.

Ob Eickhoff als christlicher Denker gelten kann, oder nicht vielmehr aus einer vom Buddhismus o.ä. inspirierten Religionsphilosophie heraus Kulturgeschichte betreibt, sei noch zu überprüfen.

09 April 2009

Neuer Jesus

Da gibt es ein neues Bild von Jesus. Er ist nicht mehr der held des Individualismus, der dem Kollektivismus trotzt und gegen das Gesetz opponiert. Evangelium ist, dass Jesus gekommen ist, nicht aber dass er den einzelnen ins Zentrum setzt.

Die Individualisierung der Religiösen Frage fand sich schon im Judentum. Und zwar parallel zur geschichtlichen Hoffnungslosigkeit. Dort die Erfahrung, dass gegen Perser, Griechen und schließlich die römische Besatzungsmacht keine Hoffnung zu erwarten sei; hier das Scheitern des Einzelnen angesichts des Textes. Beides spiegelt sich in jüdischen Quellen: Das Politische eher in der Apokalyptik; das Individuelle eher in solchem Liedgut wie den Psalmen Salomonis. Die Erwartung eines Messias, der in beiden Sphären "Erlösung" bringt, wurde so im Judentum herausgeprägt.

Das Neue ist die Deutung der Begegnung mit der Person Jesus als eben diese Gotteserfahrung. Das Christentum ist insofern noch voll und ganz jüdische Auslegungstradition, als es dort durchaus üblich war, die Schrift im Licht neuer Gotteserfahrung neu zu deuten. Aber mit dieser Identifikation fand innerhalb des Judentums eine derart massive Veränderung statt, dass die neue Richtung abgespalten worden ist. Die Entstehung des Christentums als genuin jüdischer Vorgang? - spannend

21 März 2009

Den Hohenpriester Jesus kenne ich aus meine Kindheit. Unser Pastor sprach regelmäßig das Wort vom „großen Hirten der Schafe“ (Heb. 13, 20) zur Verabschiedung der Gemeinde. Nach dem Abendmahl sangen wir Offenbarung 1, 5-6 in der Vertonung von Julius Löwen: „Dem der uns liebt und uns von unsern Sünden gewaschen hat in seinem Blut und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater.“

In meinem theologischen Studium erlebte ich eine Abspaltung dieser Bildwelt. Ich las davon, dass kultisches Denken schon bei Irenäus einen Rückfall in einen vorchristlichen Status darstellt, gleichzeitig aber erlebte und las ich pietistische Predigten, die mit Nachdruck auf die Beutung des blutigen Opfers Jesu hinwiesen. Schnell wachsenden pfingstlich-cha­ris­ma­ti­schen Kirchen halten weltweit an Einsichten fest, die die universitäre Exegese überwunden zu haben meint. Derart auseinanderklaffende Denkwelten auszustehen, lernte ich durch den Deutungsmusteransatz in der Erwachsenenbildung.

Sigrid Brandt spricht in ihrer Heidelberger Habilitationsschrift von 2001 von einer modernen Konstruktion des Opferdenkens durch die Mediengesellschaft: „Die Vermittlung und der Konsum von Opferbildern erfüllt … kultische Funktionen“, laden sie konsumerisch und religiös auf „und sei es nur im Spiel“. Sie setzt dem die Rede von der Liebe Gottes entgegen und unterscheidet (mit Paulus) zwischen Opfer als sacrifice und Opfer als victim: „Das ‚Opfer’ Christi meint nicht in erster Linie Jesu Victimisierung, sondern seine leibliche (Verkündigungs-)Existenz für den Glauben der Menschen.“ (13)

Sie stützt sich zentral auf den Hebräerbrief und versteht unter dem Opfer Christi den ganzen Lebensprozess, der mit Weihnachten beginnt, seine gesamte irdische Existenz umgreift, und sich mit der „hohepriesterlichen“ Eingang in das Himmlische Heiligtum vollendet. Das Leben Jesu wird so „zum Kommunikationsorgan des befreienden Geistes Gottes“(440) Opfer bringen „überwiegend den heilvollen Zusammenhang (1) des Lebens der Menschen aus, durch und für Gott und (2) des „Lebens“ Gottes bzw. seines Namens aus, durch und für die Menschen zur Sprache.“