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04 Mai 2011

MSo Waldstadt 2010
„Das wird ja immer schöner!“ Erstaunt schaut der Gipser auf. Im Vorbeifahren sehe ich, welche Mühe sie sich geben, um den Neubau schnell fertig zu kriegen. Ich sage nichts darüber, dass mir das Haus an dieser Stelle etwas überdimensioniert erscheint. Die Baugenehmigung haben Andere erteilt. Aber schön wird es im Neubaugebiet. Nicht nur die Fassaden, auch die Gärten erhalten ihren Schliff.

Nicht nur in Neckarburken, auch in der Waldstadt werden Häuser renoviert, neue errichtet, Gärten angelegt. Der Frühling trägt seinen Teil dazu bei: unser Planen wird von der Kraft der Natur unterstützt.

Dabei ist es nicht nur der Wunsch nach Perfektion, der uns zur Schönheit streben lässt. Wir haben ein Bedürfnis nach Schönheit, ein Gespür für das, was vollkommen ist. Der Samen der Heiligkeit ist in uns gelegt. Und auch für das Wachstum sorgt Gott.


Miriam Saß, Pixelio
 Was mir manchmal Sorge bereitet: Dass Menschen im „klein-klein“ bleiben und sich eine „Arme Sünder“-Mentalität aneignen. Das ist nicht Gottes Wille. Klar: wir werden nie perfekt werden. Und wenn wir uns versteigen, sorgt schon die Natur für die nötige Demut. Aber dass es schöner wird, dass wir unser Umfeld pflegen, das liegt durchaus in der Fluchtlinie Gottes, der uns auch dazu ermutigt.

„Das ist Gottes Wille, eure Heiligung“, der Satz aus einem der ältesten Briefe des Apostels Paulus gehört zum Urgestein unseres Glaubens. Schöner werden, wie das grüne Laub eines Baumes. Nicht höher, nicht größer, sondern intensiver. Dazu kann nicht nur der Frühling uns führen: Der Geist weht zu allen Jahreszeiten.

22 September 2010

Bewahren

Eine Legende erzählt, im Nordosten des Badischen Landes habe sich eine Protestbewegung gegen die Vergiftung der Felder mit Cadmium gebildet. Mitte des 21. Jahrhunderts habe die Industrie ein neues Düngemittel erprobt. Der weltweite Vorrat an Phosphaten war längst erschöpft. Der Bedarf an Biokraftstoff hatte dazu geführt, dass die Felder nicht mehr genug Ertrag abwarfen; die Konferenz der Landwirtschaftsminister hatte große Summen in die Erforschung des neuen Wachstumsmittels gesteckt. Fabriken waren mit Fördergeldern gebaut worden, die erst später, durch die Erträge wieder erwirtschaftet werden sollten.

Kluge Köpfe hätten herausgefunden, dass die alte Bauernweisheit, ein wenig Gift habe noch nie geschadet, zu Krankheit und frühem Tod führt. Außerdem wurden im Produktionsprozess auch noch radioaktive Stoffe angereichert. Gutachter stand gegen Gutachter. Die Industrie hatte Professoren der Universität Hohenheim mit hohen Forschungsgeldern ausgestattet; das Land Baden-Württemberg war führend in der Produktion dieser Agrartechnik; aber auch die Gegner hatten Gutachter von hohem universitärem Rang auf ihrer Seite.

Am Ostermontag kam es in Boxberg zu einem Aufmarsch von Naturschützern, der mit Polizeigewalt auseinandergetrieben worden war. Hunderte waren kurzfristig in Stammheim inhaftiert und mussten mangels triftiger Anklagepunkte nach kurzer Zeit wieder auf freien Fuß gesetzt werden. BILD beschimpfte die Naturschützer als Extremisten; der FOCUS bezeichnete sie als Nestbeschmutzer. Der Pfarrer von Rosenberg, der die Demonstranten mit Gebet und Segen begleitet hatte, wurde zum Rückzug aufgefordert: er habe sein Amt missbraucht und die politische Neutralität der Kirche verletzt.

Die Kirchenleitung allerdings erinnerte an den Konziliaren Prozess „Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“, der einst im 20. Jahrhundert durch den konservativen Politiker Carl Friedrich von Weizsäcker ins Leben gerufen worden war: Damals seien ebenfalls Pfarrer mit ihren Gemeinden auf die Felder gezogen um gegen Kernkraftwerke und die Verschmutzung des Rheins zu kämpfen. Man kannte den hohen theologischen Sachverstand des Theologen und schätzte sein Organisationstalent. Deshalb wurde er kaum sieben Jahre später zum Baden-Württembergischen Bischof gewählt.

06 Februar 2010

Narrenpredigt Hebräer 4, 12-13

Das Wort Gottes ist lebendig,
weil es schafft, was man nicht rafft,
wenn man in den Spiegel gafft
es hat eine große Kraft.

Es durchdringt unsre Gedanken,
sagt was Seele ist, was Geist,
lässt Ideologien wanken,
dass man weiß, was Wahrheit heißt.

Nichts kann sich vor ihm verbergen,
es ist geistig, in uns drin.
Es verbindet Gottes Augen
mit dem eignen Menschen-Sinn.

Deshalb kann es in uns denken,
in uns wirken, in uns sein,
Worte wandeln, Worte lenken,
Witz und Wirken Maßstab sein.

Es macht Ernst mit gutem Leben,
mit Gerechtigkeit und Streben.
Wenn wir Rechenschaft ihm geben,
und vor Gottes Antlitz stehen,
wenn am Ziel ist unser Streben,
werden wir vor Staunen beben,
und die Antwort selber sehen.
Nichts kann dann vor ihm bestehen.
Feigenblätter fallen ab,
Stolz und Hochmut sinkt ins Grab,

Purpur, Gold und Prahlerei
gilt als dumme Narretei.

Dann ist alles Fragen aus
und die Wahrheit kommt heraus:

Zweischneidig ist das Gotteswort,
spießt auf die Torheit und den Tort.

weiter ... ...

18 Dezember 2009

Inkarnation

Als alles still war und ruhte und eben Mitternacht war,
fuhr dein allmächtiges Wort vom Himmel
herab, vom königlichen Thron.
(Weisheit Salomos 18, 14.15)

Die Mitternacht hat ein Geheimnis. Alle Jahre bedaure ich es wieder, wenn der Spätgottesdienst nicht diese Stunde erreicht. Ein Zauber liegt darin, dass mit dem Anbruch des Geburtstagsfestes Christi zur Stunde Null des Ersten Christtags die Nacht zu schwinden beginnt, der Tag anbricht.

Dabei wird in der Fluchtlinie von Bethlehem nicht dem natürlichen Zeitlauf jene Kraft zugesprochen, die vom Tod zum Leben führt: Der Ausweg aus der Dunkelheit, wenngleich zur rechten Zeit „als alles still war und eben Mitternacht war“ wird doch diesem kaum zu beschreibenden, nie zu begreifenden, dem flüchtigen und doch schöpferischen Wort zugesprochen, und damit ganz in die Hand Gottes gestellt.

Am Ende des Wahljahrs 2009 erhoffe ich mir neue Impulse von diesem Wort.
  • „Mitternacht“, das ist das Gefühl, es würde sich nichts mehr bewegen.
  • „Als Alles still war“, das erinnert mich an Erstarrung, an die Ruhe vor dem Sturm.
  • „Ruhe zur Mitternacht“ bedeutet für mich: Das Morgengrauen steht kurz bevor, und ein neuer Tag weckt die Hoffnung auf ein nie Gekanntes, Ungeahntes. Weihnachten und Auferstehung, Neuschöpfung und Ostern rücken nahe zueinander. Das ermutigt mich, das gibt mir Kraft.
Schöpfung aus dem Nichts, das ist die Energie der Utopie. Häufig verspottet, durch vielfältigen Missbrauch in Misskredit, ist das Wort Gottes die einzige Orientierung, die wir als Christen anzubieten haben. Darüber kann uns keine Routine und keine religiöse Tradition hinweg täuschen. Weihnachten bietet uns den Durchblick durch den Mythos zu dem lebensbewältigenden Wort.

24 August 2009

Kaffee, Schnaps und Sahnehäubchen

Ein Gläschen Schnaps in den Kaffee und oben drauf die Schlagsahne. Fertig ist der Pharisäer. Das Auge kann den Alkohol sowieso nicht sehen. Jetzt kann ihn die Nase kann auch nicht riechen. Die Schlagsahne dient als Versteck.
Auf den ersten Blick etwas Anderes, als in Wirklichkeit.
Oberflächlich schön, in Wirklichkeit ganz schön alkoholisiert.
Kaffee, Schnaps und Sahnehäubchen -
Damit bin ich beim Thema meiner Predigt:

Der „Pharisäer“ ist Inbegriff dafür, dass der äußere Schein trügt.
Das Klischee hat Jesus selbst benutzt. Und dieses Klischee hat gewirkt,
bis in die Benennung eines Ostfriesischen Getränks hinein.
Eigentlich meinte er aber nicht den Pharisäer seiner Zeit.
Und die Prediger der Alten Kirche, die dasselbe Klischee übernahmen,
konnten die Pharisäer auch nicht meinen.
Nicht die eigentlichen jüdischen Pharisäer,
sie meinten das Pharisäische im Christentum.
Pharisäer, das sind immer auch wir. Ich lese den Predigttext aus Lukas 18,9-14:
II
Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Er hätte das Ganze auch mit dem letzten Satz sagen können.
Dann gäbe es dieses eigentümliche Getränk namens Pharisäer nicht.
Jesus wollte nicht nur eine These aufstellen. Jesus wollte nicht nur
das harte Brot moralischer Thesen. Er wollte uns eingängig erzählen, was Sache ist.
Drum benützt er solch ein Bild,
erzählt süffisant
von inneren Konflikten,
im Tempel, in der Kirche,
in der einen religiösen Gemeinschaft
gibt es solche und solche. Und oft
ist der Bruch auch in dir drin.
Da ist die Pharisäerseele,
und die Büßerseele.
Beide können selbstgerecht werden; beide können echt sein.
Wesentlich ist - dazu dient der Schlusssatz - ob du dich damit produzierst.
III
Man kann sich nämlich auch pharisäisch selbst erniedrigen. Die Fromme Helene ist das klassische Beispiel. Gezeichnet von Wilhelm Busch:
  • Doch ist Helene nicht allein
    Nur auf sich selbst bedacht. - O Nein! -
  • Ein guter Mensch gibt gerne acht,
    Ob auch der andre was Böses macht;
  • Und strebt durch häufige Belehrung
    Nach seiner Beßrung und Bekehrung.

In einer Welt der Zwiegespaltenheit
ist die Jungfer Helene gar nicht die eigentliche Pharisäerin,
obwohl das Ebenbild der Frömmlerin, die ihrer selbst nicht Herr geworden ist und am Ende in der Hölle landet

  • Es ist ein Brauch von alters her:
    Wer Sorgen hat, hat auch Likör!

Im Abgesang ist es der Zuschauer selbst, den Wilhelm Busch als Onkel Nolte zeichnet und den er uns als Spiegel vor die Augen hält:

  • Als Onkel Nolte dies vernommen,
    War ihm sein Herze sehr beklommen.
  • Doch als er nun genug geklagt:
    »Oh!« - sprach er - »Ich hab's gleich gesagt!
  • Das Gute - dieser Satz steht fest -
    Ist stets das Böse, was man läßt!
  • Ei, ja! - Da bin ich wirklich froh!
    Denn, Gott sei Dank! Ich bin nicht so!!«

Das ist der Pharisäer, dieses „Ich hab’s gleich gesagt.“
Und sein typischer Satz lautet: „Gott sei Dank! Ich bin nicht so!“

IV

Wir haben da so eine protestantische Spielart des Pharisäertums.
Die institutionalisierte religiöse Selbstbestimmung.
Dass jeder selbst für seinen Glauben verantwortlich ist, hat sich nicht nur bei uns Potestanten festgesetzt; auch mancher Katholik meint, mir mit solchen Sprüchen schmeicheln zu können:
Herr Pfarrer, man muss doch nicht zur Kirche rennen, um Christ zu sein.
Ich kann ja auch zu Hause beten. Und in der freien Natur bin ich Gott auch nahe.
Ich lasse mir nicht vorschreiben, wie oft ich zur Kirche gehe,
Das ist ein weit verbreitetes, scheinbar emanzipiertes Denken.
Und man kann ja auch überhaupt nichts dagegen sagen, nur:
Die Art, wie das dann vorgetragen wird,
mit diesem Unterton der Selbstrechtfertigung,
der ja im Grunde unterstellt, dass der Gott etwas anderes von uns verlangt,
und voraussetzt, dass es den Zwang zum Kirchgang eigentlich auch gibt,
- den es in Wirklichkeit noch nie gegeben hat -
- aber das wollen die Leute in ihrer Zwanghaftigkeit nicht wahrhaben -
diese Eigenmächtigkeit, die in solchen Sätzen mitschwingt,
die selbsterlösende Forderung, Gott müsse mir gnädig sein,
auch wenn ich die von mir erfundenen Gesetze Gottes nicht erfülle,
das ist das eigentliche, modern-preußische Pharisäertum,
das gerade nicht sagt: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute,
sondern: Ich danke mir selbst, ich bin nun mal so wie alle anderen.

Dass er vordergründig überhaupt nicht raubt, betrügt, die Ehe bricht,
aber voller Stolz spricht Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie diese Kirchgänger,
diese Selbstgerechtigkeit mit der man sich heute
nicht von den Zöllnern absetzt, sondern von sich selbst behauptet, kein Heuchler zu sein,
die ist das wahre, emanzipierte Pharisäertum.

Es gehört zum Guten Ton, dass man als Christ voller Stolz und selbstbewusst
das Fasten aufgegeben hat, und keinen Zehnten mehr gibt,
und dass man sich lächerlich macht über die Frömmigkeit der Muslime,
die den Ramadan halten, nach Mekka pilgern und fünfmal täglich ihr Gebet verrichten.

Ich darf mit einem verschmitzten Lächeln hinzufügen,
um die ganze Litanei auf die Spitze zu treiben:
Gott sei Dank, dass hier und heute
in diesem Gottesdienst keine solch selbstgerechten Menschen sind.

V

Es ist im Christentum durchaus üblich,
zum Morgen und zum Schlafengehen ein Gebet zu sprechen:
Schlagen sie in Ihrem Gesangbuch die Nummern 808 auf und die Nummer 814: da finden Sie
den Morgensegen, und den Abendsegen,
und das Tischgebet.
Ich werde nicht müde zu unterstreichen, dass wir dreimal täglich mit unseren Glocken zum Vater Unser rufen. Und das Fasten ist nicht erst mit 7WochenOhne wieder in die Mode gekommen; in der alten Kirche hat man zweimal die Woche gefastet, obwohl die Geschichte vom Pharisäer und vom Zöllner durchaus geläufig war. Religiöse Übung verstößt überhaupt nicht gegen die christliche Freiheit; im Gegenteil.

Eigentlich hatte der Pharisäer ja recht: Es war gut, dass er kein Räuber war, kein Betrüger oder Ehebrecher. Und kein Nazi-Spitzel, und keiner von der Stasi oder vom CIA. Diese Zöllner waren nun mal Kollaborateure!

Es war doch nicht falsch, dass er zweimal in der Woche gefastet hat. Und der Zehnte, das war damals die einzige Form von einer Sozialversicherung. Heute liegt sie bei 20 Prozent nur für die Altersvorsorge: Wir alle zahlen sie. Und dazu noch Krankenversicherung, und Kirchensteuer und Solidaritätszuschlag.

Aber dass er den Schatten in seiner eigenen Seele nicht sieht, das hat man ihm vorgeworfen.
Dass er über all seiner religiösen Aktivität sich abgrenzt von diesem Zöllner und Sünder,
der mit ihm im selben Tempel steht und betet, das hat Jesus kritisiert.

VI

Diese starke Verbundenheit über das Sakrament in der Katholischen Kirche nimmt ja immer mehr ab. Die Frömmigkeit wird moderner, reflektierter, protestantischer. In unserer Kirche gab es schon immer eine Tendenz zu mehr Nachdenken; die Predigt und die Schriftsauslegung steht eher im Vordergrund. Da hat die Katholische Frömmigkeit inzwischen nachgezogen: In unsere Bibelwochen kommen viel mehr katholische Mitchristen als Evangelische. Man hat den Eindruck, die protestantische Schriftfrömmigkeit sei ausgewandert in die Schwesterkirchen. Zumindest landläufig und in der Volksfrömmigkeit hat sich die evangelische Freiheit im Protestantismus längst deformiert zu einer Unverbindlichkeit. Über kurz oder Lang wird diese moderne Beliebigkeit auch die anderen Kirchen erreichen, wenn wir nicht gemeinsam im Tempel stehen und um Gottes Wort ringen.

Hauskreise - oder wie sie in der katholischen Kirche heißen „Familienkreise“ - haben weitgehend die Bibelstunden ersetzt. Es gibt eine neue Untersuchung darüber - eine der spannendsten Entdeckungen aus meinem Kontaktstudium: Ein pensionierter Dekan aus Württemberg hat darüber seine Doktorarbeit geschrieben. Er kommt zu dem Ergebnis: Hauskreise sind eine Schule demokratischer Tugenden. Man übt sich in der Freie Rede, im spontanen Formulieren und Diskutieren. Gewissermaßen als Nebeneffekt neben dem Studium der Heiligen Schrift hält der Gesprächskreis geistig rege. Ich hab im Gemeindebrief ein wenig darüber geschrieben und angekündigt, dass ich die Predigt am Reformationstag darüber halten will. Da gibt es ein Element gemeinsamer Frömmigkeit, das wir als evangelische und katholische Christen ausbauen müssen.

VII

Da stehen sie also nebeneinander und beten, die Zöllner und Sünder - und die Pharisäer.
Und könnten Gemeinschaft miteinander pflegen.
Stattdessen reden sie aneinander vorbei
und gehen unverändert wieder zurück.
Der eine - so vermutet Jesus - ein wenig mehr gerechtfertigt.
Also mit Gott eher in Ordnung als der andere.
Aber so ganz in Ordnung eben doch auch nicht.
Etwas fehlt auch ihm: Dass er von Menschen angenommen worden ist.
Eine bittere Wurzel ist geblieben:
Sein gebet wurde von Gott erhört,
aber eben nur von Gott.

Der einzige, der tiefer blickt, ist Jesus, der von ihm erzählt.
Und wir, die wir von ihm erzählt kriegen, wir wissen,
dass vor Gott sein Gebet, sein kurzer Seufzer zählt.
Dem andern, dem Pharisäer, müsste erst noch jemand davon berichten,
müsste ihm ins Gewissen reden, ihm zeigen, dass er zwar äußerlich
richtig liegt, aber tief im Herzen noch verbogen ist,
verkrümmt, verliebt in sich und seine Selbstliebe.

VIII

Erst dann wird der Pharisäer bemerken, wie sehr er dem Zöllner gleicht.
Sobald er erkennt, wie schwer es ist, kein Pharisäer zu sein.
Da kommt auch über seine Lippen dieser erlösende Satz,
der nicht erlöst, weil er als Satz nachgesprochen worden ist,
sondern weil er Ausdruck einer großen, tiefen, leidvollen Erkenntnis ist:
Ich komm nicht raus aus meiner Überheblichkeit.
Ich kann meine Selbstgerechtigkeit nicht überwinden.
Aus eigener Kraft - schaffe ich es - nicht!
„Gott sei mir Sünder gnädig!“

Und da sind beide genau wie wir.

IX

Fromm sein, liebe Schwestern und Brüder, ist etwas Schönes.
Es kann ungeheuer stark sein, innerlich
und das Aussehen eines Menschen verändern.
Nicht dass man die Stigmata Christi trägt wie Franziskus
oder eine schleife im Haar wie die Schwestern von Adelshofen:
eine Ordenstracht wird nur von Wenigen erstrebt,
mystische Erfahrungen sind heute meist anderer Natur.
Aber wir wissen, in der katholischen, und in der gemeinsamen Kirchengeschichte genauso wie im modernen Protestantismus gibt es Gruppen, Vereinigungen, Organisationen,
die sich gegenseitig beistehen, einander helfen im Glauben zu leben
und sich auch gegenseitig korrigieren, wenn es Fehlentwicklungen gibt:
sowohl in Richtung falscher Selbstgerechtigkeit
als auch ins andere Extrem: Demut kann Krankhaft werden,
der Versuch der Jesusnachfolge eine Seele verkrümmen.
Echte Frömmigkeit findet ihren Weg zwischen den Extremen
von Pharisäertum und Bigotterie.

X

Echte Frömmigkeit ist schwach.
Es ist nicht mehr als ein Seufzer,
den der Zöllner zu sprechen wagt,
und auch der Pharisäer, wenn wir es ihm gesagt haben,
wenn er gelernt hat, wie erbärmlich er eigentlich ist:
wie gottserbärmlich - „Gott sei mir Sünder gnädig“
„Gott erbarmt sich - hoffentlich - über mich“.
Mehr sagen kann er nicht; aber dieser Seufzer ergreift Seele und Leib.
Und hoffentlich auch dich, der du den Auftrag hast,
ihm seine Schwachheit zu predigen,
vor Augen zu halten, wer er wirklich ist,
bangend und zitternd.
Denn auch du bist nicht sicher, ob die Wort stark genug ist,
den Zöllner und den Pharisäer zu erreichen.
Wahre Frömmigkeit zeigt sich in der Schwachheit.
In der Schwachheit bist du stark,
nicht weil du schwach bist,
sondern weil sich Gott über deine Schwäche erbarmt.
Aus diesem Bangen und diesem Zittern
wirst auch du fromm sein, mit Leib und Seele, durch und durch.

Σ

Ich mag keinen Pharisäer. Vielleicht weil ich kein Ostfriese bin.
Ich kann diesem Geschmack von Schnaps oder Rum im Kaffee nichts abgewinnen.
Man könnte ja die These aufstellen, dass die wenigsten Menschen tatsächlich gern Kaffe mit Schnaps und Sahnehäubchen trinken, und dass sie einfach gern mit dieser Form von Pharisäertum kokettieren. Aber das ist nun wirklich eine Spekulation.

Ich persönlich jedenfalls ziehe den Cappuccino vor. Im Italienischen Sommer mag ich vormittags diese Kaffees mit aufgeschäumter Milch. Und diesen trinke ich dann mit Zucker, obwohl ich normalerweise den Kaffee schwarz trinke. Ich nehme ein Tütchen Zucker und streue es oben drauf. Das macht das Sahnehäubchen so schön knusprig. Und dann löffle ich es genüsslich ab. Und ein teil von der Zuckerkruste sinkt hindurch und süßt den gesamten Kaffee; manchmal braucht’s ein Löffelchen extra. Das reicht manchmal sogar als Zwischenmahlzeit. Cappuccino macht stark.

Ein guter Cappuccino ist aus stark gebranntem Kaffee gemacht.
Aber es fehlt - wie beim Pharisäer - die alkoholische Schärfe.
Und er ist durch und durch süß.
Ein Wohlgeschmack für unsere Nerven,
vielleicht eben solch ein
Wohlgeschmack,
wie es
ein durch und durch frommer Mensch für Gott ist. Amen.

18 Juli 2009

Paulus - der erste Moderne Christ

1. Nulloption „Windmühlen“

Liebe Gemeinde,

den Ritter von der traurigen Gestalt kennen Sie: Vielleicht als Comicfigur, aus Filmen, manche sogar aus den beiden Büchern, die Miguel Cervantes geschrieben hat: Don Quichotte.

Erzählt von einem modernen Menschen, der sein Leben selbst in die Hand genommen hat. Er hat sich zu einem originellen Lebensentwurf entschieden: anhand der Ritter-Romane, die er gelesen hat. Er wollte so gern ein Ritter sein. So ließ er sich eine Rüstung anpassen und seinem Klepper auch einen Satz Beinschienen. Und dann zog er hinaus in die Welt, um gegen andere Ritter zu kämpfen, die es nicht mehr gab.

Am Ende fand er dann noch einen einzigen, der mit seinen vier Sicheln durch die Luft fuchtelte: Don Quichotte kämpft mit den Windmühlen.

Paulus ist kein Don Quichotte gewesen. Paulus war ein Moderner von anderer Qualität. Ihm hab ich meine Predigt zum Paulus gewidmet: „Paulus - der erste moderne Christ.“

2. Paulus ist uralt

  • das erste Mal, dass Paulus in der Bibel auftritt, steht er auf der anderen Seite. Es heißt, er sei dagestanden und habe die Kleider der Menschen bewacht, die den Diakon Stephanus gesteinigt haben. Stephanus war Armenpfleger der jüdischen Christenge-meinde. Er war unbeliebt bei jenen Juden, die nicht an Jesus glaubten. Sie hatten sich zusammengerottet und ihn zu Tode gemobbt. Und es heißt, dass Stephanus, kurz bevor er unter dem Hagel von Steinen starb, über sich den Himmel offen stehen sah.
  • auch Paulus hat den Himmel offen gesehen. Er war in Rage geraten und wurde an-gehalten. Die Vernichtung der jüdischen Sekte wollte er weiter führen: Mit Ermächtigungsbriefen ist er nach Damaskus geritten, um dort die Christen in die Schranken zu weisen. Kurz vor Damaskus kam Christus über ihn. Die einen sagen, es war ein helles Licht, die andern hörten eine Stimme und sahen nichts. Saulus, wie Paulus damalsnoch hieß, fiel geblendet vom Pferd. Es brauchte einen ehrenwerten Ältesten aus Damaskus, der ihm die Hände auf legte, und die Blindheit vollkommen heilte.
  • die Tragik seines Lebensgeschicks läst sich am besten mit einer Geschichte beschreiben: Als Jude wurde Paulus angeklagt, weil er Nichtjuden in die Gemeinschaft hineinließ. Er sollte zum Tode verurteilt werden, da brachte er seine zweite Identität ins spiel: Ich bin nicht nur Mitglied des Jüdischen Volks; ich habe auch die römische Staatsbürgerschaft - Gerettet vom Galgen musste er jetzt als Gefangener des Kaisers nach Rom reisen. Diesem Umstand verdanken wir eine der schönsten Seemannsgeschichten in der Heiligen Schrift. Mit dem Schiff wurde er nach Rom expediert, hat als Gefangener Schiffbruch erlitten, wurde auf Malta gerettet, erreichte die kaiserstadt. Wahrscheinlich ist er als Gefangener, oder kurz nach seiner Freilassung in Rom gestorben.
  • "eingekerkert und doch frei", das ist typisch Paulinisch: Einmal sogar, da erschütterte ein Erdbeben sein Gefängnis. Paulus hatte die Freiheit, im Gefängnis zu bleiben. Als Gefangener hat er einige der schönsten Texte geschrieben, die uns in der Bibel überliefert sind.

3 Zenit der Zeit

Petrus war vor ihm gewesen. Der schwankende Felsen auf den Jesus seine Kirche bauen sollte, hatte zuerst erkannt, was eigentlich schon immer Gottes Ziel gewesen ist: dass auch Nichtjuden zu Gott kommen dürfen. Petrus hatte jene Vision von unreinen Tieren, die in einem Leintuch vom Himmel herab gelassen wurden. „Was ist als rein erklärt habe, das sollst du nicht für unrein befinden“, hatte die Stimme Gottes erklärt. Petrus hatte Gemeinschaft mit Heidenchristen. Aber dann hat er geschwankt, als seine früheren Freunde kamen. Sitte und Brauchtum und das geschriebene Gesetz waren ihm wichti-ger. Paulus hat ihn kritisiert: Neue Zeiten fordern neues Denken. Bei Gott ist nichts unmöglich. Alte Gräben werden überbrückt. Unser Glaube ist innovativ.

Während Petrus die Treue zur Thorah festhielt, waren für Paulus die neuen Menschen wichtiger: Menschen-Treue statt Buchstabentreue, das macht lebendigen Glauben aus.

Paulus ist kein Don Quichotte.
Paulus übersetzt den Glauben in die neue Welt
Und bündelt damit die alten Kräfte in einer neuen Ausrüstung.

Er transformiert in einem neuen Anlauf ein altes Thema und schreibt im 1. Korintherbrief:

Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. (15, 14-16)

4 Versuch eines Axioms

Ein Gedicht illustriert die Zaghaftigkeit dieses Glaubens (CD "Auferstehung" von Janus)

  • Alles beginnt von vorn:

    Die Trauer, die uns lähmt
    das Leiden, das uns zähmt
    die Lügen, die uns brechen
    die Illusionen, die Versprechen
    die große Hoffnung, die sich nie erfüllt
    ein ferner Gott, der sich in Schweigen hüllt
    das lange Warten auf den neuen Tag
    ein trübes Zwielicht, das nie enden mag.

    Das Hoffen und das Sehnen
    die Trauer und die Tränen
    das Trennen und das Scheiden
    die Lügen und das Leiden
    das Stolpern und das Fallen
    das Klammern und das Krallen
    die Masken und das Lachen
    alles, alles beginnt von vorn.

    Der Phönix steigt aus der Asche
    schwingt sich hinauf ans Licht
    Seine Federn fangen Feuer
    sein Leib zerbricht.

    Der Phönix steigt aus der Asche
    thront hoch oben auf dem Lügenberg.
    Sein Tod, ein grelles Feuerwerk.
    Wir feiern unsere Auferstehung...

5 Aufstand als Auferstehung

  • was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? - heißt es im 8ten Psalm
  • merk auf mein Schreien, vernimm mein Gebet von Lippen, die nicht trü-gen. - betet der 17te Psalm und fährt dann fort:
  • Behüte mich wie einen Augapfel im Auge, beschirme mich unter dem Schatten deiner Flügel vor den Gottlosen, die mir Gewalt antun, vor meinen Feinden, die mir von allen Seiten nach dem Leben trachten.
  • Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von mei-nem Fleisch? - klagt der Dichter im Buch Hiob, und er fährt fort:
  • Ach daß meine Reden aufgeschrieben würden! Ach daß sie aufgezeich-net würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

So hat sich der Glaube an eine Auferstehung in jüdischer Zeit schon entfaltet, wurde allmählich zu einer Erkenntnis, die unabwendbar geworden ist.

  • Aber ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und als der letzte wird er über dem Staub sich erheben. Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

Der alte Simeon im Tempel hat diese Hoffnung aufgenommen, als er den neugeborenen Jesus auf die Arme nahm.

  • Nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.

Und im Buch Hesekiel entwickelt sich daraus eine regelrechte geistvolle Phantasie, die an die Praxis der Taufe erinnert:

  • Ich will reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet; von all eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein flei-schernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.

Und in der Vision vom Totenfeld beschreibt er in surrealistischer Manier:

  • ich weissagte, ... Da kam der Odem in sie, und sie wurden wieder leben-dig und stellten sich auf ihre Füße, ein überaus großes Heer. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, diese Gebeine sind das ganze Haus Is-rael. Siehe, jetzt sprechen sie: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren, und es ist aus mit uns. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf und bringe euch ins Land Israels.
    Da wird die Hoffnung von Individuen mit der Hoffnung des ganzen Volkes zusammen-gerückt.

6 Das Gelächter der Verächter

Nicht Rechthaberei, sondern Glaube.
Nicht Logik bestimmt diese Wissenschaft, sondern Geist.
Kein weltumspannendes Gedankengebäude,
sondern Versuch und Irrtum prägen das Denken.

Nicht Statik, sondern Bewegung.
Nicht Dogmatik, sondern Anbetung.
Nicht die Vergangenheit, sondern ein lebendiger Geist,
nicht Ordnungen sondern Phantasie schafft neues Leben.

Kein Behaupten, sondern Denken.
Kein Berechnen, sondern Schenken.

Als Paulus auf dem Tempelberg der griechischen Hauptstadt Korinth von seinem Glau-ben an die Auferstehung anfing, da ließ man ihn vornehm-freundlich abblitzen:
„Wir wollen dich ein andermal darüber anhören“, hieß es ironisch;
Auf deutsch: „Was du da sagst, ist doch ein wenig verrückt;
wir haben im Moment keine Lust, uns damit zu beschäftigen.
In das Weltbild der Philosophie passt Auferstehung nicht.
Das sollten auch wir uns ganz hübsch zu Herzen nehmen.
Auferstehung ist keine Theorie, sondern eine Hoffnung,
die auch der intellektuellen Ironie widersteht:
eine Hoffnung, die weiter trägt,
über den Horizont hinaus.

Eine durch und durch moderne
Schau von dir selbst
und von der Welt.

Nicht das Gelächter der Verächter bestimmt dein Leben.
Gott will dir neue Hoffnung geben.

Nicht das Gelächter der Verächter bestimmt dein Leben.
Gott will dir neue Hoffnung geben.

7 Vom Frust zur Freiheit

Dein Leben beginnt mit deiner Geburt.
Und es endet mit dem Tod.
Schule und Kindergarten,
Hochzeit und Konfirmation,
Karriere und Berufsausbildung sind Stationen auf einem natürlichen Weg.
Und wenn du über die Fünfzig bist, wie ich, macht die Depression sich breit:
„Ist das schon Alles gewesen!?“

Dabei war es doch immer ein Abenteuer gewesen, ob du überhaupt
das Klassenziel erreichst, die Abschlussprüfungen bestehst,
die Stelle erhältst, die Arbeit fristgerecht ablieferst.
Stationen in der Lebenszeit, die uns Spannung
und allzu oft auch Frust bereitet haben.

Mit der Auferstehung kommt ist neue Zeitansage in dein Leben eingetreten.
Du lebst nicht nur „von der Wiege bis zur Bahre“.
Du lebst von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Du schuftest nicht nur für den Augenblick,
du lebst aus einer Kraft, die den Moment übersteigt.
Und wenn du einmal gescheitert bist,
dann gibt es immer eine zweite Chance, eine dritte, eine Vierte.
Nach jedem kleinen Tod bietet sich ein neues Leben.

Auferstehung meint nicht in erster Linie, dass nach dem Sterben
irgend etwas weiter geht - doch das auch,
aber Auferstehung heißt in aller erster Linie,
dass dieses Leben eine Chance erhält,
dass ein Scheitern nie das Ende ist
und dass Gott auch die schönsten
Momente noch verfeinert.

Amen.

06 Juli 2009

Sacrificium, Victim und Offertium

Eine dreifache Differenzierung des deutschen Opferbegriffs hat Walter Sparn (NZSyTh 50, 2008) vorgelegt. Alle drei begrifflichen Nuancen haben in der kirchlichen Praxis ihren Ort.
  1. Die Deutung des Opfers Jesu als Sacrificium antwortet auf die die ungelöste und unlösbare Frage zwischenmenschlicher und religiöser Verfehlung. Das ethische Dilemma dass wir töten müssen, um in der Nahrungskette zu überleben, hat schon in der menschlichen Vorgeschichte Opferrituale hervorgebracht. Hier kann die Abendmahlsfrömmigkeit das Eph Hapax des Heb-räerbriefs betonen als Verweis auf ein grundlegendes, im Himmel vollzogenes Geschehen.
  2. Die Deutung des Opfers Jesu als Victim in Solidarität mit anderen, umgangssprachlich begriffenen Opfern (der Globalisierung, des Verkehrs, sexuellen Missbrauchs etc.) muss aus ethischen Gründen thematisiert, darf jedoch nicht mit den anderen Verständnissen des Opfers vermischt werden. Das Eph Hapax des Hebräerbriefs gehört als Abwehr aktualer Victimisierungen vor allem in die Predigt und in die Ethik.
  3. Die Deutung des Opfers Jesu als Offertium kommt meines Erachtens sehr schön in einer Liturgie der Church of South India zum Ausdruck, die vor wenigen Jahren von der Badischen Landeskirche verteilt wurde: Vor dem Abendmahl findet eine Kollekte statt, die dann gemeinsam mit den Abendmahlselementen und einer Schale Blütenblätter auf den Altar getragen wird. Die Bezüge zur Heilgeschichte über den Palmsonntag hinaus sind in der protestantischen Volksfrömmigkeit weitgehend unterbelichtet. Mit Sigrid Brandt würde ich gern betonen, dass die Lebenshingabe Jesu mit Weihnachten beginnt und in die Neuschöpfung mündet. Die Gemeinde als Offertium spreche ich dankbar an, wenn ich im Abendmahl das „Ihr seid der Leib Christi“ betone und das Kreuz nicht (nur) über den Elementen, sondern über der Gemeinde schlage.

Kultmetaphorik

War die christliche Gemeinde ursprünglich im Haus verortet, so teilt sie dieses Schicksal mit der jüdischen Gemeinde, die sich sowohl im Tempel als auch im Gegenüber zum Tempel organisiert; die Synagoge entstand möglicherweise aus drei oder vier unterschiedlichen Traditi-onen; genannt werden - mit unterschiedlichen Plausibilitäten: das „Haus“, das Tor, die Versammlung der Standmannschaften, der hellenistische Verein. Jede dieser drei Größen hatte eine eigene Funktion, bildete im Lauf der Geschichte einen eigenen Umgang mit dem Kultus aus und bot unterschiedliche Formen kultmetaphorischer Deutung: Nicht nur in Verarbeitung der Ereignisse des Jahres 70 n Chr, sondern schon zuvor, bedingt durch unterschiedliche Dis-tanz zum Jerusalemer Tempel, an dem sich der Gottesdienst zentralisierte, und auf den sich das kultische Denken bezog.

  1. Der Tempel mit dem Schwerpunkt Opfer und der Möglichkeit zu Lehre, persönlichem und öffentlichem Gebet Sowie dem Gesang der Standmannschaften.
  2. Die Synagoge mit den Schwepunkten Thoralesung und Unterweisung und der Möglichkeit zum Öffentlichen Gebet, dem Gesang der Standmannschaften, eventuell auch Mahlfeiern anlässlich besonderer Feste; aber auf jeden Fall: Keine Opfer
  3. Das Haus mit dem regelmäßigen Deipnon/Symposion und der Möglichkiet zu Almosen, Fasten, Beten, Gemeinschaft (1. Kor 11), Thora-Observanz, Unterweisung. Hier fand auf keinen Fall irgend ein Kultus statt.

Mahlfeiern, wie Jesus sie mit seinen Jüngern häufig gefeiert hat, haben ihren Ort im „Haus“; selbst das Passahmahl hat in sich keinen kultischen Charakter, wenngleich dieses Mahl die innigste Verbindung zwischen Kult und Hausfrömmigkeit im Judentum aufwies: Die Lämmer zum Passahfest waren zuvor im Tempel geschlachtet worden. Die Lesung von Thora und Propheten nach einem festen Lesezyklus gehören in die Synagoge, die in Palästina ursprünglich vor allem Ort der Lehre und des Lernens gewesen ist. Zwar überschneiden sich die Funktionen der drei Sozialgestalten; dennoch sind klare Zuordnungen und Ausschlüsse zu beschreiben.

Bei Wegfall des Tempelkults ergeben sich verschiedene Optionen. Das Christentum als jüdische Bewegung hat daran Anteil gehabt:

  1. Der Vollzug des kultischen Tempelopfers wird in eine unbestimmbare Zukunft projiziert („eschatologisch“ oder als Naherwartung „übers Jahr in Jerusalem“)
  2. Die Gemeinde ersetzt kultisches Denken durch ethische Implikationen der Kultkritik.
  3. Kultische Elemente im „Haus“ vermischen sich mit der magisch-sakramentalen Vergegenwärtigung (des Kaisers) beim hellenistischen Symposion.
  4. Elemente der Hausfrömmigkeit tauchen in der (christlichen) Synagoge auf (so etwa das deipnon).
  5. Hausgemeinde und Synagoge bleiben erfolgreich resistent gegen kultischen Vollzug, transformieren diesen jedoch:
    a. zu einem Wortgeschehen
    b. zu einem himmlischen Geschehen
    c. zu einem ethischen Vorgang

Die Metaphorik scheint so stabil gewesen zu sein, dass wir der Annahme folgen müssen, dass diese Bildwelt eine menschliche Grundbefindlichkeit anspricht, die durch nichts zu ersetzen ist. Dies jedoch mit RENÉ GIRARD in einem Urmythos zu begründen, der die Gesellschaft im Opfer konstituiert, scheint mir mit der biblischen Urgeschichte nicht vereinbar. Im christlichen Kultus muss Schöpfung und Neuschöpfung dem Agnus Dei voraus gehen. Das hat Auswirkungen auf die Abendmahlsfrömmigkeit ebenso wie auf das Verständnis des Opfers als Sacrificium, Victim und Offertium.

Freude an der Predigt

„Was könnte Ihnen helfen, mit (mehr) Freude über Texte des Hebräerbriefs zu predigen?“ Ursprünglich eingeführt, um den Teilnehmern der Umfrage eine Fortbildung in Aussicht zu stellen, löst ein zweiter Blick die Frage nach den emotionalen Implikationen der gesamten Umfrage aus: Welche Effekte löst es aus, wenn der Begriff der „Freude“ in den homiletischen Umgang mit biblischen Texten eingeführt wird?
Insgesamt erscheint die Predigtarbeit als ernste Tätigkeit. Selbst Kreativität ist anstrengend: nicht nur beim Hebräerbrief erlebt einer der Exegeten das „Stöhnen über die Begrifflichkeit“. Wenn die Predigt dann anschaulich geworden ist, stellt sich mit dem Gefühl des Gelingens ein - mit Freude immerhin verwandtes - Glück ein.
Es gibt Lieblingstexte im Kanon, die nicht so sperrig sind, und wer sich der Herausforderung stellt, erlebt dass „aus dieser Spannung … Spannendes entstehen“ kann: Mehr als bodenständige „Zufriedenheit“ löst dies eine freudige Erwartung aus.
Diese Beispiele spiegeln die Grundbefindlichkeit der Prediger: Zeitlich überwiegt die harte Arbeit am Text; die Freude am Vortrag des gelungenen Werks hält für den Augenblick. Die Freude des Evangeliums leuchtet aus Gründen des Berufsethos und der kreativen Anstren-gung nur kurz auf und dominiert die berufliche Erfahrung nicht.
Tief im kultischen Sprachgebrauch geerdet ist einer der Prädikanten, der in sich „selbst … genug Freude, die Herausforderungen des Hebräerbriefs anzugehen“ findet, und in dem „sich selbst hingebende(n) Gott in Christus für seine Menschen“ die „großartigste Botschaft“ sieht. Mit einem Aufmerksamkeit heischenden und zu gleich jubelnden Ausrufezeichen endet seine Stellungnahme: „Das ist Liebe pur!“ Eingebettet in die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen erlaubt er sich, emotionale Affekte der Freude anklingen zu lassen. Hier tritt - neben die Glückserfahrung kreativen Ringens und exegetischen Erfolgs - eine theologische Notwendigkeit von Freude, die motivierend den kreativen Prozess von Anfang begleitet.
Die Idee, dass Predigt beim Prediger Lust erzeugt, und die zwanzig Minuten des Predigtvortrags Motivation für eine vorlaufende Anstrengung bieten, habe ich - unter anderen Vorzeichen - neu entdeckt.

Soziologie als Fremdsprache der Praktischen Theologie

Eine Chance zu einem Intensivkurs in Religionssoziologie ergab sich für zwei Kontaktpfarrer und zwei Studentinnen am Lehrstuhl für Kirchentheorie. Der Dozent Manfred Ferdinand bot eine Übung „Gemeinde wahrnehmen“ an. Die kleine Zahl von Teilnehmenden bewies, dass die Soziologie als Fremdsprache (Lienhardt) der Praktischen Theologie von den Studenten noch kaum wahrgenommen wird. Die Veranstaltung galt als Pilotprojekt für eine künftige universitäre Begleitung des obligatorischen Gemeindepraktikums. Unbeschadet dieser begrüßenswerten Entwicklung bietet Manfred Ferdinand auch weiterhin jedes Semester religionssoziologische Veranstaltungen an: Aus meiner Sicht ein Fortschritt in der gegenwärtigen Theologenausbildung, an dem ich unbedingt teilhaben wollte.
Neben Ansätzen einer kultursoziologischen Transformationstheorie (Wilhelm Gräb) beschäftigte uns die Grounded Theory in der Vermittlung des Religionssoziologen Hubertus Knob-lauch und die Erkenntnisse der Neuen Frankfurter Schule der Theologie (Dinter, Heimbrock, Söderblohm). Zum Einstieg befasste wir uns mit den Ansätzen vorhandener religionssoziologischer Umfragen: Neben der Kinderstudie von World Vision und dem Religionsmonitor von Bertelsmann standen auch die Visitationsfragebögen unserer Kirche und die neusten EKD-Erhebungen am Horizont. Einen Ausblick auf das Forschungsprojekt „Religiöse Erwartungen“ erhalten wir zum Abschluss des Kurses.
Eine willkommene Ergänzung bot schließlich der Hinweis von Professor Lienhardt, der uns im Auswertungsgespräch auf die soziologischen Erklärungsansätze von Detlef Pollack zur besonderen religiösen Lage in Ostdeutschland hinwies: Ein Landstrich, dessen Bevölkerung schon vor der kommunistischen Ära zur Staatskirche auf Distanz gegangen war, in dem das kirchliche Teilnahmeverhalten trotz der Minderheitensituation „volkskirchlich“ distanziert, die Struktur parochial geblieben war, dessen Menschen die Kirche nach der Wende von 1989 zunächst über den Steuerbescheid begegnete, und das - im Unterschied etwa zum katholi-schen Polen und zu Russland - nach der Wende keine Wiederbelebung der Religion erlebt hat. Hoffnungsvoll ist hier lediglich eine kleine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener (Pollack/Pickel, Religiöser und kirchlicher Wandel, 2000, S. 23) die sich durch hohe Motivation und Partizipationsbereitschaft auszeichnet.

24 Juni 2009

Transzendenz - Geschichte - Existenz - Gemeinschaft - Kreativität

Die protestantische Orthodoxie entwickelte im Nachklang zur Reformation die Lehre von den fünf Affectiones (sinnlich begreifbaren, inneren Bewegungen) der Heiligen Schrift: Auctoritas („Urheberschaft“), Necessitas („Innere Notwendigkeit“), Claritas/Efficacia („Dursichtigkeit/Wirkmächtigkeit“), Sufficentia („Hinlänglichkeit“) und Perfectio („Vollkommenheit“). Letztere entwickelte sich in der spätorthodoxen Theologie gemeinsam mit der Anschauung von der Verbalinspiration zur Lehre von der Irrtumslosigkeit; ein rationalistisch historisierender Zug in der Hermeneutik, der den Großmeister vor letzterem zurückschrecken lässt und ihn veranlasst, auf die Tradition des drei- bzw. vierfachen Schriftsinns der Antike und des Mittelalters zurückzugreifen.

Die Hermeneutik Theissens verläuft dementsprechend auch in einem Viertakt: Er beschreibt
  1. die kerygmatische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur AUCTORITAS SCRIPTURAE, anhand der dialektisch-theologischen Impulse des 20. Jahrhunderts und ihrer Transformation durch die kerygmatische Exegese, dargestellt an der Gleichnistheorie von Hans Weder.
  2. die geschichtliche Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur NECESSITAS SCRIPTURAE, anhand der heilsgeschichtlichen Theologie Oscar Cullmanns und - vor allem - Wolfhart Pannenbergs.
  3. die existenzielle Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur CLARITAS (EFFICACIA) SCRIPTURAE, anhand - zunächst - der existenzialen Interpretation Rudolf Bultmanns, dann der Ritualhermeneutik, einer biblischen Ethik, und schließlich dem Story-Konzept.
  4. die kanonische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur SUFFICIENTIA SCRIPTURAE, anhand des Canonical Approach (B.S.Childs, J.A.Sanders) und Ansätzen der kognitiven Religionswissenschaft (Boyer, Whitehouse,Pyssäinen) vermittelt in Heidelberg durch Istvan Czachesz.

Der neue vierfache Schriftsinn Theissens - von mir, analog zu den von ihm aufgenommenen fünf affectiones scripturae - durch einen fünften ergänzt, wendet sich wieder neu dem wörtlichen Sinn der altkirchlichen Hermeneutik zu und versucht diesem neue Gehalte abzugewinnen. Die vier (oder fünf) Dimensionen, im menschlichen Subjekt verankert, sind Dimensionen menschlicher Wahrnehmung. Nicht eine Intentionalität, die als unmittelbare in den Dingen verankert wird, wie in Antike und Mittelalter. Die Kernfrage, die sich für mich damit stellt: Wie kommen wir über diese Intentionalität des menschlichen Subjekts hinaus?

Wurden im Mittelalter den Dingen eine mehrfache Intentionalität zugestanden, die der „alte“ vierfache Schriftsinn zu erheben suchte, so hat sich die reformatorische Exegese mit ihrer Wendung zum historischen Schriftsinn diese Intentionalität der Dinge methodisch ignoriert und das Subjekt zur Res Agens umgeschafft. Dennoch bleibt im nachhaltigen Gebrauch des Begriffs des Sub-Jectum eine Erinnerung daran, dass dieses Agens per Definitionem nicht Auctor sein kann, sondern der Aktion des Wortes subjiziert.

Und so entsteht die für mich entscheidende Frage: Wie geht mich das Wort, mit den von ihm bezeugten Dingen an? Was löst es in den Empfängern des Wortes aus? Welche Dimensionen trägt es an die Subjekte heran? Dazu gehören ebenso die Dimensionen von Glaube, Liebe und Hoffnung, wie jene - neueren - von Existenz, Gemeinschaft und Kreativität; wobei die Dimension des Glaubens nicht im Existenzbezug alleine aufgeht, sondern Momente eines Diskurs überschreitenden Transzendenzbezugs in sich trägt; und für die Moderne grundsätzlich Wahrheit historisch vermittelt ist, allerdings - so haben wir bei Gadamer gelernt - nicht allein über den garstigen Graben hinweg springend, sondern durchaus auch in der Verschmelzung menschlicher Erfahrungen über die Zeitsprünge hinweg. Dann können kabbalistische Spekulationen einbezogen werden, wenn sie für die Verständigung nützlich sind; für den Hebräerbrief vor allem die im Kanon begründete Merkabah-Mystik, für andere Texte die Apokalyptik, aber auch neuere, mystagogische (zum Beispiel tiefenpsychologische) Auslegungstraditionen, welche die Dimensionen von "Glaube, Hoffnung und Liebe" eröffnen.

Ich glaube, dass - durch die Filter von Historie und emanzipierter Moderne hindurch - der fünfte, kreative Schriftsinn es durchaus ermöglicht, Dimensionen des antiken, mehrfachen Schriftsinnes wieder aufzunehmen. Die Vollkommenheit der Schrift kann, von ihrer rationalistischen Engführung in einem historisierenden Fundamentalismus gelöst, im Blick auf die Vielfalt der Gattungen neu aufgenommen werden. Unter dem Vorzeichen des Dritten Artikels ist Inspiration in 2. Timotheus 3, 16 transitiv zu verstehen und homiletisch aufzunehmen: Dann bewirkt Wort Gottes die Predigt des Wortes Gottes, und diese wiederum ist - wie man im Anschluss an das Zweite Helvetische Bekenntnis formulieren mag - das Wort Gottes, weil sie vom Geist der Schrift inspiriert ist.

So kommt das Wort der Schrift als Agens ihrem Auctor Gott nahe, indem es in unserem menschlichen Subjektum unter Aufnahme früher gedachter Anregungen neue Schöpfungen bewirkt: sprachlich, und doch wohl auch lebenspraktisch.