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29 Januar 2010

Fasnacht

Katholiken tun’s; Protestanten nicht - diese alte Regel gilt schon längst nicht mehr: Landauf, landab beteiligen sich auch evangelische Christen an Fasnacht, Fastnacht, Fasenacht, Fasching oder Karneval, manchmal aus Trotz und im Widerspruch zu unsrer Tradition; meist jedoch mit einem großzügigen Augenzwinkern, aus evangelischer Freiheit.

Die Kirche hatte immer Schwierigkeiten mit diesem Brauch, der in den 250 Jahre vor der Reformation auf-kam. Noch heute kennt man in der katholischen Kirche ein Verbot für Erstkommunikantinnen und Firmlin-ge, sich an der Fasnacht zu beteiligen. Ihre Ausschweifungen schienen dem Ernst des Glaubens zu wider-sprechen.

Falsch ist allerdings die Theorie vom heidnischen Ursprung der Fasnacht. Sowohl von Freunden wie von Geg-nern der Fasnacht vertreten, ent-sprang sie den Köpfen des National-sozialismus und ist „nicht aus den Köpfen der Menschen zu streichen“, wie der Freiburger Professor Werner Mezger feststellt. Er weist nach, dass die Fasnacht auf das Christentum zurückgeht. Ein römisches „Narren-schiff“ CARRUS NAVALIS als Namens-patron für „Karneval“ gab es in der Sprache der Römer am Limes nicht.

Den Hintergrund bildet das katholische Fronleichnamsfest. So erklärt sich, dass der Protestantismus wenig Interesse daran gezeigt hat. Fron-leichnam wurde von den Reformierten abgelehnt, die den Protestantismus der Kurpfalz prägten; in Zürich begann er gar mit einem provokativen Wurstessen zur Fastenzeit.

„Die Fasnacht ist in erster Linie ein Spiel der verkehrten Welt. An Fasnacht werden die normalen Verhältnisse auf den Kopf gestellt.“ (Franz Götz) Vor dem Ernst der heiligen Fastenzeit stellt sie als Volksschauspiel die Verkom-menheit und Dummheit vor Augen. Ob sich die Fasnacht an die Ergebnisse der Volkskunde hält, oder eigene Wege gehen wird, ist offen; Unter dem Einfluss der neuen Medien leidet auch sie unter dem Traditionsabbruch.

Im Protestantismus hat das Buch des amerikanischen Theologen Har-vey Cox „Das Fest der Narren“ zu einer neuen Bewertung geführt. Er sieht im Hofnarren, der dem Herrscher auf humorvolle Weise den Spie-gel vorhält, ein Abbild des Christi und einen Nachfolger der biblischen Propheten. Hier knüpfen auch evangelische Narrenpredigten an.

16 Juli 2009

Was hindert Kirche, sich zu verändern und zu bewegen?

Wer betet, will zunächst die Augen schließen und ganz bei Gott sein. Sein Reich - so dünkt uns - sei etwas ganz Besonderes: eine Ära, die mit unserem mühsamen Alltag nicht verfilzt sein darf. Wir singen eine andere Art von Liedern, treten in einen anderen Raum, wenn wir den Gottesdienst betreten, sprechen eine Sprache, die sonst nicht gesprochen wird. Wir lasen Gefühle spielen, die uns aus dem Allltag heraus erheben. Das bietet einen therapeutischen Frei-raum; wir dürfen die entlastende Funktion dieser Trennung nicht gering schätzen.

Aber dann gibt es Menschen, die interessieren sich für diese Form von Religion überhaupt nicht mehr, weil sie so von ihrem Gefühlsleben so weit entfernt ist. Die „old time religion“, der Glaube früherer Tage findet keine Brücke mehr zu unserem Leben. Väter nehmen ihre Kinder lieber mit auf den Fu߬ball¬platz. Die Musik unserer Kinder unterliegt jährlich wechselnden Moden, gesungen wird allenfalls noch mit Karaoke. Wenn diese Menschen wieder zur Kirche kommen, dann ist die Distanz groß geworden. Fremd geworden sind sowohl die alten wie die neuen Lieder.
Der Heidelberger Theologe Fritz Lienhardt berichtet von einer Untersuchung über Christen, die am Gemeindeleben nicht mehr teilnehmen. Dort wurde festgestellt, dass diese Menschen überhaupt nicht begeistert sind, wenn Kirche sich verändert. Wenn sie nach drei oder dreizehn Jahren - wegen einer Hochzeit oder Taufe - oder zu einem Weihnachtsfest zur Kirche zurück kehren, soll möglichst Alles so sein wie früher. Er zieht daraus die Konsequenz: Eine lebendige Gemeinde, die ein pulsierendes Leben vorweist und sich ständig verändert, kann die Langeweile vertreiben; dem Wiederge-winnen distanzierter Christen dient die Modernisierung nicht. Wer nur zu bestimmten Anlässen religiös aktiv wird, trägt den Sa-men jenes emotionalen, hochreligiösen Konservatismus in sich - ist ein potentieller Bremser. So kommt es zum Konflikt: Hier eine kleine Zahl engagierter Christen, die sich stetig vom Glauben verwandeln lassen, dort die große Masse konservativ Gesinnter. Pfarrer und Älteste stehen dazwischen, tragen teilweise gar die Spannung in sich, werden bestenfalls blockiert, schlimmstenfalls jedoch aufgerieben.
Während in lebendigen Gemeinden der sonntägliche Kirchgang die Regel ist, hat es sich in unserer Kirche eingespielt, dass selbst verantwortliche Mitarbeiter vierzehntägig zur Kirche gehen, oder noch seltener. Das ist ein Ausdruck evangelischer Freiheit; und diese Freiheit verlangsamt den Prozess des gemeinsamen Lernens. Ich glaube, dass wir in der evangelischen Kirche weitere Treffpunkte neben dem Gottesdienst brauchen: Nicht allein zur Geselligkeit, sondern auch zum geistlichen Gespräch.
Wenn sich möglichst viele Menschen am Gemeindeleben beteiligen, bedeutet dies für alle, die in der Gemeindeleitung tätig sind: Wir müssen umlernen, eine neue Kultur der gegenseitigen Begeisterung entwickeln und miteinander reden! Nicht dass wir uns dem Zeitgeist ausliefern: Aber eine lebendige Gemeinde muss am Puls der Zeit liegen und immer wieder Brücken bauen vom Alltag ins Heiligtum und zurück.

06 Juli 2009

Soziologie als Fremdsprache der Praktischen Theologie

Eine Chance zu einem Intensivkurs in Religionssoziologie ergab sich für zwei Kontaktpfarrer und zwei Studentinnen am Lehrstuhl für Kirchentheorie. Der Dozent Manfred Ferdinand bot eine Übung „Gemeinde wahrnehmen“ an. Die kleine Zahl von Teilnehmenden bewies, dass die Soziologie als Fremdsprache (Lienhardt) der Praktischen Theologie von den Studenten noch kaum wahrgenommen wird. Die Veranstaltung galt als Pilotprojekt für eine künftige universitäre Begleitung des obligatorischen Gemeindepraktikums. Unbeschadet dieser begrüßenswerten Entwicklung bietet Manfred Ferdinand auch weiterhin jedes Semester religionssoziologische Veranstaltungen an: Aus meiner Sicht ein Fortschritt in der gegenwärtigen Theologenausbildung, an dem ich unbedingt teilhaben wollte.
Neben Ansätzen einer kultursoziologischen Transformationstheorie (Wilhelm Gräb) beschäftigte uns die Grounded Theory in der Vermittlung des Religionssoziologen Hubertus Knob-lauch und die Erkenntnisse der Neuen Frankfurter Schule der Theologie (Dinter, Heimbrock, Söderblohm). Zum Einstieg befasste wir uns mit den Ansätzen vorhandener religionssoziologischer Umfragen: Neben der Kinderstudie von World Vision und dem Religionsmonitor von Bertelsmann standen auch die Visitationsfragebögen unserer Kirche und die neusten EKD-Erhebungen am Horizont. Einen Ausblick auf das Forschungsprojekt „Religiöse Erwartungen“ erhalten wir zum Abschluss des Kurses.
Eine willkommene Ergänzung bot schließlich der Hinweis von Professor Lienhardt, der uns im Auswertungsgespräch auf die soziologischen Erklärungsansätze von Detlef Pollack zur besonderen religiösen Lage in Ostdeutschland hinwies: Ein Landstrich, dessen Bevölkerung schon vor der kommunistischen Ära zur Staatskirche auf Distanz gegangen war, in dem das kirchliche Teilnahmeverhalten trotz der Minderheitensituation „volkskirchlich“ distanziert, die Struktur parochial geblieben war, dessen Menschen die Kirche nach der Wende von 1989 zunächst über den Steuerbescheid begegnete, und das - im Unterschied etwa zum katholi-schen Polen und zu Russland - nach der Wende keine Wiederbelebung der Religion erlebt hat. Hoffnungsvoll ist hier lediglich eine kleine Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener (Pollack/Pickel, Religiöser und kirchlicher Wandel, 2000, S. 23) die sich durch hohe Motivation und Partizipationsbereitschaft auszeichnet.

02 Juni 2009

Haus

"Hauskreise versammeln sich in häuslichem Rahmen als informelle Gruppe mit einer recht stabilen Zahl von Teilnehmern und zwar in einem dichten zeitlichen Rhythmus on ein oder zwei Wochen. Sie pflegen mit Singen, Beten, gemeinsamem Lesen biblischer Texte und Aussprache darüber ein eigenständiges Ritual, das bei aller Verschiedenheit deutlich an gottesdienstliche Vorbilder der evangelischen Kirche oder protestantischer Freikirchen angelehnt ist."
(Richard Reininghaus, Die hausgemachte Religion. Kommunikation und
Identitätsarbeit in Hauskreisen, Tübingen, 2009, S. 207).

Eine funktionale Definition von Religion lässt Hauskreise verstehen als Orte lebendigen, persönlichen Suchens nach einer christlichen Identität. So beschreibt es Richard Reiningheus in seiner Dissertation. Er hat als ehemaliger Dekan im Ruhestand württembergische Hauskreise mit religionssoziologischen Mitteln untersucht, greift ausführlich auf die ansätze von Hubert Knoblauch und anderen zurück, und bringt dem Phänomen schließlich eine große, wenngleich kritische Sympathie entgegen.

Als Kreise sind sie grundsätzlich abgeschlossen, befassen sich jedoch in der Regel mit einem außerhalb ihrer Spiritualität befindlichen „Extra Nos“ eines Textes - manchmal auch eines Themas. Bei aller - geschichtliche gewordenen (Hauskreise entstanden ursprünglich im Rahmend er evangelischen Akademikerschaft) - spirituellen Einseitigkeit, und trotz der Marginalität seiner Erscheinungsweise (321) kann dieses Phänomen zu einem Faktor der Belebung von Kirche um Umbruch werden. Es darf allerdings nicht im Interesse pastoraler Macht marginalisiert oder durch religiöse Rationalisierung ins Häretische abgedrängt werden (319)!

Potentiell haben Hauskreise Anteil an dem, was die Aufklärung mit dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ intendiert hat. Diese Rolle ist erst noch zu evaluieren. Reininghaus wehrt sich gegen eine schnelle Identifikation von Hauskreisen mit den Hausgemeinden der Urchristen (226f; er spricht hier mit Johannes Zimmermann, Habil. Greifswald 2006, von „Urchristentumsromantik“) wie mit der anachronistischen Gleichsetzung mit der bürgerlichen Familie (227). Sie sind eine Schule des Denkens und des Diskutierens, erlauben gerade in einer ausgeprägten Gesprächkultur die in der Moderne so sinnvolle Tendenz zur Häresie (Luhmann) und sind grundsätzlich als Schule der Emanzipation zu verstehen, wenngleich sie sich nicht kirchlich vereinnahmen lassen.

Die Frage, ob Hauskreise Abendmahl feiern, wurde von der Württembergischen Synode im Juli 2005 negativ beschieden; sie bleibt jedoch in der Praxis offen (170).

31 März 2009

Inszenierung

Michael Meyer-Blanck nennt sein Essay über den Gottesdienst INSZENIERUNG DES EVANGELIUMS. Bei "Inszenierung" denken wir unwillkürlich an etwas Vorgespieltes, Unechtes, zur Schau Gestelltes. Stimmen aus dem Kreis der Prediger, aber auch Gottesdienstbesucher aus der Kerngemeinde äußern die Befürchtung, mit "Inszenierung" sei etwas Spektakuläres gemeint.

Dagegen wehrt sich Meyer-Blank ausdrücklich. Ihm geht es darum, aus der großen Vielfalt möglicher Verhaltensweisen eine bewusste Auswahl zu treffen, und diese dann aber auch bewusst und angemessen zu gestalten. Er bearbeitet in der Folge die "üblichen" Teile des Gottesdienstes; Experimente in einem "Zweiten" oder "Dritten Programm" werden lediglich beiläufig erwähnt.

"Beim Gottesdienst gibt es keine Trennung zwische Bühne und Zuschauerraum." (19) Das unterscheidet ihn von einem Theaterstück. Die ganze Gemeinde spielt in der Inszenierung mit, selbst wenn sie nur zuhört, kann sie doch nicht als Akteur außer Acht gelassen werden. Ist es das, was den verfechtern des Predigtgottesdienstes so Schwierigkeiten macht? Dass sie nicht als Einzelkämpfer vorn stehen dürfen, sondern die Gemeinde mitzunehmen angehalten sind?

Meyer-Blanck plädiert für eine gute Predigt, allerdings in den liturgischen Vollzug eingebettet: Er wendet sich bereits gegen eine Trennung von Predigt und Liturgie. Und den protestantischen Impuls sieht er darin, dass der Vollzug des Rituals immer zugleich mit reflektiert wird. Er betont eine reflektierende Note, gegen ein magisch verstandenes Ritual.

Die Inszenierung wird bei ihm nicht schematisch formuliert; hier denkt er den Ansatz von Felix Ritter voraus, der unsere gottesdienstliche Arbeit im Kirchenbezirk Mosbach mit begleiten wird: "Der Weg zur eigenen Theologie führt nur über das eigenständige Durchdenken, ebenso führt der Weg zum angemessenen liturgischen Agieren nur über das eigenständige Durchleben körperlicher Haltungen, wie sie auch im Gottesdienst vorkommen." (27)

15 Mai 2007

Exaudi

Johannes 14, 15-19

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.


Ein Bogen spannt sich vom Himmel zur Erde. Wenn die Spannung erhalten bleibt, kann der Pfeil der Liebe fliegen.

Gebote verhalten sich zu Liebe wie das Holz des Bogens zur Spannschnur. Nicht die Liebe ist der Pfeil; wir sind es, die in die Welt geschickt werden.

Wir - das sind die Menschen, die Gott liebt; steiler formuliert: wir sind die Kirche. Im Protestantismus scheint alles erlaubt; und doch ist da ein Unbehagen.

Der "lebendige Gott" wird die Kirche am Leben erhalten.