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12 Juni 2011

Pfingstpredigt

Johannes 16,5-15


Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat;
und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe.
Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.
Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
Und wenn er kommt,
wird er der Welt die Augen auftun
über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
§        über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
§        über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
§        über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
Ich habe euch noch viel zu sagen;
aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.
Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
wird er euch in alle Wahrheit leiten.
Denn er wird nicht aus sich selber reden;
sondern was er hören wird, das wird er reden,
und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
Er wird mich verherrlichen;
denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.
Alles, was der Vater hat, das ist mein.
Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ist das Wunder von Pfingsten, das ich jedes Jahr
meinen Kindern in der Schule erzähle.
Zuvor waren sie noch eingeschlossen,
eingeigelt: die ganze Nacht;
aber am Morgen überkommt sie dieses eigentümliche Rauschen,
wir sprechen ja auch von Begeisterung, als wäre
es so etwas wie ein Rausch.

Als Petrus aus dem Haus tritt, ist die Depression vorüber.
Es fällt von ihm ab -
vielleicht sogar genau in diesem Moment.
Zumindest wird es ihm da bewusst.
Und zugleich spürt er,
was vorher gewesen ist:
spürt den Unterschied.
Merkt es an der Veränderung, die ihn jetzt ergreift.

Und man sieht es ihm an,
objektiv.
Offensichtlich:
spürt man ihm ab - wie er sprüht.
Und wie das Wunder geschieht:
Dreitausend auf einmal ließen sich taufen.

Der Geburtstag der Kirche geht auf drei Erfahrungen zurück.
Der Geburtstag der Kirche antwortet auf eine vierfache Not.
Der Geburtstag der Kirche öffnet die Türen - endgültig.

Sprechen wir von den drei Erfahrungen:

§        Wir erleben, dass Menschen freveln, obwohl seit Golgatha die Sünde besiegt ist.
§        Das Gefühl der Gottverlassenheit bleibt, obwohl Jesus auferstanden ist. Und
§        Es scheint immer noch so, als würde die Welt von einem Andern regiert.

Und die vierfache Not:

§        Beim Frevel spricht man von Frivolität - das ist die erste Not.
§        Das Gefühl der Gottverlassenheit ist die zweite Not.
§        Und diese ständige Fremdbestimmung. Du bist angewiesen auf Gutachter
in der Politik, in der Technik, ja sogar im persönlichen Leben:
es kommt darauf an, was dein Arzt dir rät,
dein Ehepartner, und wenn du alt wirst deine Kinder.
Es muss gar nicht der Teufel sein; aber dein Leben ist mindestens zur Hälfte fremdbestimmt.

§        Und wenn du einen Ausweg suchst:
Egal wie du es drehst und wendest: Du bleibst auf die Hilfe Gottes angewiesen.
Das ist die vierte Not: Du willst dein Leben in die eigene Hand nehmen,
und bleibst doch letztlich hilflos.

Wir haben es beim letzten Abendspaziergang gespürt, beim Männertreff:
Da sind zwar gute Ansätze, aber werden sie nicht schön gerechnet, schöngeredet:
Wer will überprüfen, was die Stadtwerke auf ihre Tafeln schreiben!?
Ist die Ökologie tatsächlich so groß, wie sie geschrieben wird?
Herr Baier hat uns vorgerechnet: 700 Haushalte werden angeblich mit Energie versorgt.
Lass mal alle Herde in der Waldstadt zur Mittagszeit anspringen;
die Biogasanlage ist schnell erschöpft.
Und erneut beginnt die Suche nach einem Ausweg.

Sind die Phantasien des Geistes nicht längst ausgeschöpft!?
Wer denkt heute noch in jenen Fiktionen, mit denen einst Jules Verne
zum Mittelpunkt der Erde und um den Mond reisen wollte,
von menschlichen Kolonien auf dem Mars ganz zu schweigen:
Sciencefiction hat ausgedient;
die Voyager-Mission wird eingestellt.
Die Erdbevölkerung erreicht noch in diesem Jahr die 7 Milliarden-Grenze.

~~~o~~~

Ist das eine Lösung, dass wir uns auf Geistliches beschränken?
Ist das eine Lösung, dass wir die Weltprobleme ignorieren?
Ich gebe zu, es war für mich über viele Jahre eine der angenehmsten Versuchungen:
„Wir leben für den Himmel; die Erde interessiert uns nicht.“
„Politik ist ein schmutzig; Gottes Wille ist Heiligkeit.“

Ich war lange Zeit beeindruckt von dieser frommen Parole,
Politik habe mit Religion nichts zu tun,
wenn wir beten, dann täten wir
die Augen schließen und nach innen gucken,
in die Seele - letztlich in den Himmel hinein.
Gott zieht sich zu sich hin - alles Irdische wird gleichgültig.
So sah für mich lange Zeit Pfingsten aus.

Und dann erschien Roland Reagans Buch gegen die Abtreibung.
In einem christlichen Verlag.
Der diese Trennung propagierte.
Da war es offensichtlich:
Wer die Politik aus dem Glauben heraus halten will,
meint mit Politik nur immer das, wo er selbst dagegen ist.

Oft gehen die Argumente gegeneinander.
Ich kann jeden verstehen, der heute noch sagt:
„Wir wollen in der Kirche kein Parteien-Gezänk.“
„Wir haben eine andere Botschaft.“
Aber der Geist - sagt Jesus - wird euch in alle Wahrheit leiten.
Nicht nur den Durchblick geben im geistlicher Hinsicht:
Auch Klarheit in irdischen Dingen.
Es ist eben nicht so, dass es eine göttliche Wahrheit gäbe,
die jenseits aller Auseinandersetzungen liegt.
Jesu Geist ist all umfassend.
Dringt in jede irdische Ecke ein.

~~~o~~~

„Denn von dem Meinen wird er’s nehmen“, sagt Jesus.
Kennen sie irgendeine Ecke in Ihrem Haus, in der keine Luft ist?
Mag sein, dass das Licht der Flurlampe nicht mehr hinter die Garderobe leuchtet.
Aber die Luft ist auch in der Ritze hinterm Schlafzimmerschrank.
Du wirst jetzt nicht ständig den Schlafzimmerschrank vor rücken.
Aber wenn du es tust, wirst du sehen:
Auch dahinter ist Leben - und Spinnweben.

Versteht ihr:
Gottes Geist dringt jede Ritze hinein.
Die Luft, die uns umgibt - ein Bild für Gottes Geist.
Nichts ist dem Geist ähnlicher als die Luft, die uns umgibt:
Es heißt im Anfang sei der Mensch ein Erdenkloß gewesen.
Aber dann hat Gott tief eingeatmet
und dem Tonzwerg in die Nase geblasen.

Ein lustiges Bild.
Alles ist dran:
Die Finger, die Nase, der Po,
handwerklich geschickt geformt;
aber er bewegt sich nicht!
Da ist kein Blut drin!
Kein Leben.
Und dann pustet Gott.
Und die Puste - das ist der Geist.

An Ostern:
Die Jünger waren ängstlich, eingeschlossen.
Jesus tritt durch die verschlossene Tür:
„Nehmt hin heiligen Geist“, und dann bläst er.
Nimmt ihnen die Furcht.
Schenkt Glauben.
So etwas wie einen Vorschuss.
Aber eben auch: Atem.
Der Geist ist Jesu Atem.

Deshalb find ich es so toll, eine Atemübung zu machen.
Das ist wahnsinnig:
Mit der richtigen Anleitung kannst du
einen klaren Kopf kriegen,
Schmerzen weg kriegen,
grad stehen, die Wirbel aufrichten.
Aber was an Pfingsten passiert, das ist noch um Einiges schärfer als Atemübung.
Das ist mehr als Wellness,
mehr als Therapie.

~~~o~~~

„von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.
Alles, was der Vater hat, das ist mein“
Und: „Er wird mich verherrlichen.“
An Pfingsten wird Jesus neben Gott gestellt.
Und zwar deutlich sichtbar.
Vorher war er ein Mensch.
Und seine Mutter, Maria, hat gewusst: Er ist ein besonderer Mensch.
Sie hatte ja die Nachricht vom Engel Gabriel:
„Das Kind, das in dir ist, das ist vom Heiligen Geist.“
Aber die Menschen wussten das nicht:
„Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen?“ Und:
„ist er nicht Josefs und Marias Sohn,
wir kennen doch seine Brüder und Schwestern!“
An Pfingsten wird deutlich: Diese Schar von verrückten Juden,
die sich da auf Jesus eingelassen haben,
dieser schüchterne, verängstigte Haufen,
da fährt Gottes Wind hinein.

Solches Brausen hat man in Jerusalem gekannt.
Zumindest hat man davon gelesen.
Nach der Überlieferung war es eine Feuersäule gewesen
und des Tags eine Wolke - Gottes Gegenwart, in der Wüste.
Und als Mose das Zelt gebaut hatte,
genau wie Gott ihm aufgeschrieben hatte,
da war die Wolke in die Hütte eingezogen:
Gott ist gegenwärtig, die Schechinah.
Als König Salomo den Tempel vollendet hatte,
und zur Einweihung das Gebet sprach,
da sei die Schechinah vom Himmel herab gestiegen:
„Hier wohne ich.“
„Hier bin ich gern.“

Und an diesem Pfingsttag,
kam die Schechina:
nicht in den Tempel - sondern in diesem Haus,
in dem die verängstigte Schar der Jünger saß.
„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“
Gottes Tempel, das ist diese Hausgemeinde.
Der Ort, wo meine Ehre wohnt.

~~~o~~~

Und da werden die Gedanken klar.
Petrus streckt sein Rückgrat und tritt aus dem Haus.
Da sammeln sich die Wirrungen in seinem Gehirn
und kristallisieren sich zu klaren Gedanken.
Da geht ein Ruck durch sein Herz
und die Zunge rührt sich:
klare, wohl überlegte
Worte der Erkenntnis.
Versteht ihr: Der Fischer vom See Genezareth,
der Mann, der durch Jesu Glaubensschule gegangen ist,
der Herzensgebildete spricht jetzt klare Worte.

Spricht mit jenem Temperament, das schon oft mit ihm durchgegangen ist,
Spricht mit demselben Mut, den er schon zu Lebzeiten Jesu hatte.
Aber jetzt spricht er klar und deutlich.
Der Geist durchdringt Herz und Verstand.

„Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird,
wird er euch in alle Wahrheit leiten.“
Der Geist war kein spirituelles Erleben.
Er war ein Zeichen am Himmel und im Herzen zugleich.
Und was dazwischen gekommen ist:
Zwischen Erde und Himmel,
das ist die Kirche.
Nicht der Tempel,
nicht das Gotteshaus,
sondern der Ort, wo man klare Gedanken spricht.

~~~o~~~

Der Atem Gottes hat die Gestalt der Wahrheit.
Und Wahrheit ist immer mehr, als wir schon wissen.
Wahrheit überkommt dich, überrascht dich.
Manchmal verbirgt sie sich, wie die Spinnweben hinter der Wand.

Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat;
und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
Du kannst nicht alles hinterfragen.
Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
Du hast genau gespürt, da ist noch etwas.
Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe.
Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch.
Und dann ereignet sich die Wahrheit:
Du hast dir eingeredet, es muss so sein.
Aber jetzt weißt du: Es gibt noch etwas,
das größer ist und schöner als Melancholie und Zufriedenheit.
Anregend für Herz und Verstand
- und so schön, als wäre Jesus selbst bei dir. Amen.

04 Mai 2011

MSo Waldstadt 2010
„Das wird ja immer schöner!“ Erstaunt schaut der Gipser auf. Im Vorbeifahren sehe ich, welche Mühe sie sich geben, um den Neubau schnell fertig zu kriegen. Ich sage nichts darüber, dass mir das Haus an dieser Stelle etwas überdimensioniert erscheint. Die Baugenehmigung haben Andere erteilt. Aber schön wird es im Neubaugebiet. Nicht nur die Fassaden, auch die Gärten erhalten ihren Schliff.

Nicht nur in Neckarburken, auch in der Waldstadt werden Häuser renoviert, neue errichtet, Gärten angelegt. Der Frühling trägt seinen Teil dazu bei: unser Planen wird von der Kraft der Natur unterstützt.

Dabei ist es nicht nur der Wunsch nach Perfektion, der uns zur Schönheit streben lässt. Wir haben ein Bedürfnis nach Schönheit, ein Gespür für das, was vollkommen ist. Der Samen der Heiligkeit ist in uns gelegt. Und auch für das Wachstum sorgt Gott.


Miriam Saß, Pixelio
 Was mir manchmal Sorge bereitet: Dass Menschen im „klein-klein“ bleiben und sich eine „Arme Sünder“-Mentalität aneignen. Das ist nicht Gottes Wille. Klar: wir werden nie perfekt werden. Und wenn wir uns versteigen, sorgt schon die Natur für die nötige Demut. Aber dass es schöner wird, dass wir unser Umfeld pflegen, das liegt durchaus in der Fluchtlinie Gottes, der uns auch dazu ermutigt.

„Das ist Gottes Wille, eure Heiligung“, der Satz aus einem der ältesten Briefe des Apostels Paulus gehört zum Urgestein unseres Glaubens. Schöner werden, wie das grüne Laub eines Baumes. Nicht höher, nicht größer, sondern intensiver. Dazu kann nicht nur der Frühling uns führen: Der Geist weht zu allen Jahreszeiten.

06 Juli 2009

Erträge

Aus Exegese und Kirchengeschichte, Soziologie und Kulturanthropologie, aus der Lebenswelt meiner Mitarbeiter und Mitchristen ebenso wie aus den Denkbewegungen abstrakter Philosophie erfahre ich neuen Mut und viele Anregungen, meine Arbeit als Geistlicher in Kirche und Gemeinde weiterzuführen.

Ich freue mich neu auf das Wirken des Geistes in der Gemeinde der Getauften und möchte die Gemeinschaft vor Ort ebenso ernst nehmen wie die selbstkritischen Impulse der Theologie. Das Evangelium birgt ein großes Potential, sich selbst in Neues einzufügen, und es gibt Ant-worten auf moderne Fragen, erstaunlicherweise auch im Rückgriff auf alte Traditionen. Diese Entdeckungsreise macht Spaß; ich hoffe, ich kann die damit verbundene Freude weitergeben.

Dass ich ausgerechnet zu dem Buch von Richard Reininghaus über Hauskreise gegriffen habe, liegt wohl darin begründet, dass ich mich schon lange mit der Frage beschäftigt, wie in der Volkskirche eine fundierte Bibelfrömmigkeit gepflegt werden kann. Ich konnte während des Kontaktstudiums zweimal an einem Hauskreis teilnehmen, der deutlich von der Tradition der Evangelischen Akademikerschaft geprägt ist. Ich stamme aus einer Gemeinde, die von der wöchentlichen Bibelstunde geprägt war. Ob der Hauskreis eines Pfarrers eine Mischform wird, möchte ich gerne sehen.

Predigen werde ich - im Nachgang zum Paulusjahr bereits angekündigt - über die Auferstehung nach 1. Korinther 15; die neue Perspektive auf Paulus wird hier auf jeden Fall einflie-ßen. Und für die Prädikanten des Kirchenbezirks werde ich eine Andacht zum Torgauer Kan-zelrelief halten. Angeregt von diesem Predigttext könnten wir vielleicht auch die Tradition der Kirchweih neu in der Gemeinde aufgreifen.

Die Bultmann-Biographie werde ich mir zu Weihnachten wünschen, die Parallaxe von Žižek weiter studieren, und natürlich die Exegese des Hebräerbriefs weiterführen! Was im Alltag der Gemeindearbeit davon zu bewältigen ist, kann ich noch nicht einschätzen; ein wöchentli-cher Studientag lässt sich als voller Kalendertag nach meiner Erfahrung nicht organisieren. Vielleicht kann ich ab und zu einen Fernsehabend durch Studium ersetzen.

Für Badische Pfarrer müsste eine Möglichkeit eröffnet werden, an den Denkvorgängen der Fakultät per eLearning teilzunehmen. Die Vorlesung Lienhardt’s zum EKD-Positionspapier „Kirche der Freiheit“ habe ich im Elektronischen Semesterapparat verfolgen können. Als Kontaktpfarrer haben wir einen Abend lang mit dem Dozenten, und beim Bischofsgespräch über die Badische Rezeption im Leitbildprozess diskutiert. Die Begegnung mit Herrn Lienhardt hat mich ermutigt, in meinen beiden Pfarreien weiter einer Milieuverengung entgegenzuwirken; auch auf dem Lande kann hier meines Erachtens arbeitsteilig vorgegangen werden.

Einer der Lehrvikare, der an meiner Umfrage zur Predigt mit dem Hebräerbrief teilgenommen hat, schrieb im Blick auf die schwer verständlichen Passagen dieses Briefes „es wäre schade, wenn man diese Klippen umschifft und nicht auf diesen Inseln anlegt um sich umzusehen. Mag sein, dass man schnell wieder ablegt. Die Erfahrung nimmt man trotzdem mit.“ Das Kontaktstudium war für mich eine solche Insel.

Ich habe gerne angelegt.

24 Juni 2009

Transzendenz - Geschichte - Existenz - Gemeinschaft - Kreativität

Die protestantische Orthodoxie entwickelte im Nachklang zur Reformation die Lehre von den fünf Affectiones (sinnlich begreifbaren, inneren Bewegungen) der Heiligen Schrift: Auctoritas („Urheberschaft“), Necessitas („Innere Notwendigkeit“), Claritas/Efficacia („Dursichtigkeit/Wirkmächtigkeit“), Sufficentia („Hinlänglichkeit“) und Perfectio („Vollkommenheit“). Letztere entwickelte sich in der spätorthodoxen Theologie gemeinsam mit der Anschauung von der Verbalinspiration zur Lehre von der Irrtumslosigkeit; ein rationalistisch historisierender Zug in der Hermeneutik, der den Großmeister vor letzterem zurückschrecken lässt und ihn veranlasst, auf die Tradition des drei- bzw. vierfachen Schriftsinns der Antike und des Mittelalters zurückzugreifen.

Die Hermeneutik Theissens verläuft dementsprechend auch in einem Viertakt: Er beschreibt
  1. die kerygmatische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur AUCTORITAS SCRIPTURAE, anhand der dialektisch-theologischen Impulse des 20. Jahrhunderts und ihrer Transformation durch die kerygmatische Exegese, dargestellt an der Gleichnistheorie von Hans Weder.
  2. die geschichtliche Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur NECESSITAS SCRIPTURAE, anhand der heilsgeschichtlichen Theologie Oscar Cullmanns und - vor allem - Wolfhart Pannenbergs.
  3. die existenzielle Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur CLARITAS (EFFICACIA) SCRIPTURAE, anhand - zunächst - der existenzialen Interpretation Rudolf Bultmanns, dann der Ritualhermeneutik, einer biblischen Ethik, und schließlich dem Story-Konzept.
  4. die kanonische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur SUFFICIENTIA SCRIPTURAE, anhand des Canonical Approach (B.S.Childs, J.A.Sanders) und Ansätzen der kognitiven Religionswissenschaft (Boyer, Whitehouse,Pyssäinen) vermittelt in Heidelberg durch Istvan Czachesz.

Der neue vierfache Schriftsinn Theissens - von mir, analog zu den von ihm aufgenommenen fünf affectiones scripturae - durch einen fünften ergänzt, wendet sich wieder neu dem wörtlichen Sinn der altkirchlichen Hermeneutik zu und versucht diesem neue Gehalte abzugewinnen. Die vier (oder fünf) Dimensionen, im menschlichen Subjekt verankert, sind Dimensionen menschlicher Wahrnehmung. Nicht eine Intentionalität, die als unmittelbare in den Dingen verankert wird, wie in Antike und Mittelalter. Die Kernfrage, die sich für mich damit stellt: Wie kommen wir über diese Intentionalität des menschlichen Subjekts hinaus?

Wurden im Mittelalter den Dingen eine mehrfache Intentionalität zugestanden, die der „alte“ vierfache Schriftsinn zu erheben suchte, so hat sich die reformatorische Exegese mit ihrer Wendung zum historischen Schriftsinn diese Intentionalität der Dinge methodisch ignoriert und das Subjekt zur Res Agens umgeschafft. Dennoch bleibt im nachhaltigen Gebrauch des Begriffs des Sub-Jectum eine Erinnerung daran, dass dieses Agens per Definitionem nicht Auctor sein kann, sondern der Aktion des Wortes subjiziert.

Und so entsteht die für mich entscheidende Frage: Wie geht mich das Wort, mit den von ihm bezeugten Dingen an? Was löst es in den Empfängern des Wortes aus? Welche Dimensionen trägt es an die Subjekte heran? Dazu gehören ebenso die Dimensionen von Glaube, Liebe und Hoffnung, wie jene - neueren - von Existenz, Gemeinschaft und Kreativität; wobei die Dimension des Glaubens nicht im Existenzbezug alleine aufgeht, sondern Momente eines Diskurs überschreitenden Transzendenzbezugs in sich trägt; und für die Moderne grundsätzlich Wahrheit historisch vermittelt ist, allerdings - so haben wir bei Gadamer gelernt - nicht allein über den garstigen Graben hinweg springend, sondern durchaus auch in der Verschmelzung menschlicher Erfahrungen über die Zeitsprünge hinweg. Dann können kabbalistische Spekulationen einbezogen werden, wenn sie für die Verständigung nützlich sind; für den Hebräerbrief vor allem die im Kanon begründete Merkabah-Mystik, für andere Texte die Apokalyptik, aber auch neuere, mystagogische (zum Beispiel tiefenpsychologische) Auslegungstraditionen, welche die Dimensionen von "Glaube, Hoffnung und Liebe" eröffnen.

Ich glaube, dass - durch die Filter von Historie und emanzipierter Moderne hindurch - der fünfte, kreative Schriftsinn es durchaus ermöglicht, Dimensionen des antiken, mehrfachen Schriftsinnes wieder aufzunehmen. Die Vollkommenheit der Schrift kann, von ihrer rationalistischen Engführung in einem historisierenden Fundamentalismus gelöst, im Blick auf die Vielfalt der Gattungen neu aufgenommen werden. Unter dem Vorzeichen des Dritten Artikels ist Inspiration in 2. Timotheus 3, 16 transitiv zu verstehen und homiletisch aufzunehmen: Dann bewirkt Wort Gottes die Predigt des Wortes Gottes, und diese wiederum ist - wie man im Anschluss an das Zweite Helvetische Bekenntnis formulieren mag - das Wort Gottes, weil sie vom Geist der Schrift inspiriert ist.

So kommt das Wort der Schrift als Agens ihrem Auctor Gott nahe, indem es in unserem menschlichen Subjektum unter Aufnahme früher gedachter Anregungen neue Schöpfungen bewirkt: sprachlich, und doch wohl auch lebenspraktisch.

15 Mai 2007

Exaudi

Johannes 14, 15-19

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.


Ein Bogen spannt sich vom Himmel zur Erde. Wenn die Spannung erhalten bleibt, kann der Pfeil der Liebe fliegen.

Gebote verhalten sich zu Liebe wie das Holz des Bogens zur Spannschnur. Nicht die Liebe ist der Pfeil; wir sind es, die in die Welt geschickt werden.

Wir - das sind die Menschen, die Gott liebt; steiler formuliert: wir sind die Kirche. Im Protestantismus scheint alles erlaubt; und doch ist da ein Unbehagen.

Der "lebendige Gott" wird die Kirche am Leben erhalten.