24 Juni 2009

Transzendenz - Geschichte - Existenz - Gemeinschaft - Kreativität

Die protestantische Orthodoxie entwickelte im Nachklang zur Reformation die Lehre von den fünf Affectiones (sinnlich begreifbaren, inneren Bewegungen) der Heiligen Schrift: Auctoritas („Urheberschaft“), Necessitas („Innere Notwendigkeit“), Claritas/Efficacia („Dursichtigkeit/Wirkmächtigkeit“), Sufficentia („Hinlänglichkeit“) und Perfectio („Vollkommenheit“). Letztere entwickelte sich in der spätorthodoxen Theologie gemeinsam mit der Anschauung von der Verbalinspiration zur Lehre von der Irrtumslosigkeit; ein rationalistisch historisierender Zug in der Hermeneutik, der den Großmeister vor letzterem zurückschrecken lässt und ihn veranlasst, auf die Tradition des drei- bzw. vierfachen Schriftsinns der Antike und des Mittelalters zurückzugreifen.

Die Hermeneutik Theissens verläuft dementsprechend auch in einem Viertakt: Er beschreibt
  1. die kerygmatische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur AUCTORITAS SCRIPTURAE, anhand der dialektisch-theologischen Impulse des 20. Jahrhunderts und ihrer Transformation durch die kerygmatische Exegese, dargestellt an der Gleichnistheorie von Hans Weder.
  2. die geschichtliche Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur NECESSITAS SCRIPTURAE, anhand der heilsgeschichtlichen Theologie Oscar Cullmanns und - vor allem - Wolfhart Pannenbergs.
  3. die existenzielle Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur CLARITAS (EFFICACIA) SCRIPTURAE, anhand - zunächst - der existenzialen Interpretation Rudolf Bultmanns, dann der Ritualhermeneutik, einer biblischen Ethik, und schließlich dem Story-Konzept.
  4. die kanonische Dimension der Heiligen Schrift in Analogie zur SUFFICIENTIA SCRIPTURAE, anhand des Canonical Approach (B.S.Childs, J.A.Sanders) und Ansätzen der kognitiven Religionswissenschaft (Boyer, Whitehouse,Pyssäinen) vermittelt in Heidelberg durch Istvan Czachesz.

Der neue vierfache Schriftsinn Theissens - von mir, analog zu den von ihm aufgenommenen fünf affectiones scripturae - durch einen fünften ergänzt, wendet sich wieder neu dem wörtlichen Sinn der altkirchlichen Hermeneutik zu und versucht diesem neue Gehalte abzugewinnen. Die vier (oder fünf) Dimensionen, im menschlichen Subjekt verankert, sind Dimensionen menschlicher Wahrnehmung. Nicht eine Intentionalität, die als unmittelbare in den Dingen verankert wird, wie in Antike und Mittelalter. Die Kernfrage, die sich für mich damit stellt: Wie kommen wir über diese Intentionalität des menschlichen Subjekts hinaus?

Wurden im Mittelalter den Dingen eine mehrfache Intentionalität zugestanden, die der „alte“ vierfache Schriftsinn zu erheben suchte, so hat sich die reformatorische Exegese mit ihrer Wendung zum historischen Schriftsinn diese Intentionalität der Dinge methodisch ignoriert und das Subjekt zur Res Agens umgeschafft. Dennoch bleibt im nachhaltigen Gebrauch des Begriffs des Sub-Jectum eine Erinnerung daran, dass dieses Agens per Definitionem nicht Auctor sein kann, sondern der Aktion des Wortes subjiziert.

Und so entsteht die für mich entscheidende Frage: Wie geht mich das Wort, mit den von ihm bezeugten Dingen an? Was löst es in den Empfängern des Wortes aus? Welche Dimensionen trägt es an die Subjekte heran? Dazu gehören ebenso die Dimensionen von Glaube, Liebe und Hoffnung, wie jene - neueren - von Existenz, Gemeinschaft und Kreativität; wobei die Dimension des Glaubens nicht im Existenzbezug alleine aufgeht, sondern Momente eines Diskurs überschreitenden Transzendenzbezugs in sich trägt; und für die Moderne grundsätzlich Wahrheit historisch vermittelt ist, allerdings - so haben wir bei Gadamer gelernt - nicht allein über den garstigen Graben hinweg springend, sondern durchaus auch in der Verschmelzung menschlicher Erfahrungen über die Zeitsprünge hinweg. Dann können kabbalistische Spekulationen einbezogen werden, wenn sie für die Verständigung nützlich sind; für den Hebräerbrief vor allem die im Kanon begründete Merkabah-Mystik, für andere Texte die Apokalyptik, aber auch neuere, mystagogische (zum Beispiel tiefenpsychologische) Auslegungstraditionen, welche die Dimensionen von "Glaube, Hoffnung und Liebe" eröffnen.

Ich glaube, dass - durch die Filter von Historie und emanzipierter Moderne hindurch - der fünfte, kreative Schriftsinn es durchaus ermöglicht, Dimensionen des antiken, mehrfachen Schriftsinnes wieder aufzunehmen. Die Vollkommenheit der Schrift kann, von ihrer rationalistischen Engführung in einem historisierenden Fundamentalismus gelöst, im Blick auf die Vielfalt der Gattungen neu aufgenommen werden. Unter dem Vorzeichen des Dritten Artikels ist Inspiration in 2. Timotheus 3, 16 transitiv zu verstehen und homiletisch aufzunehmen: Dann bewirkt Wort Gottes die Predigt des Wortes Gottes, und diese wiederum ist - wie man im Anschluss an das Zweite Helvetische Bekenntnis formulieren mag - das Wort Gottes, weil sie vom Geist der Schrift inspiriert ist.

So kommt das Wort der Schrift als Agens ihrem Auctor Gott nahe, indem es in unserem menschlichen Subjektum unter Aufnahme früher gedachter Anregungen neue Schöpfungen bewirkt: sprachlich, und doch wohl auch lebenspraktisch.

23 Juni 2009

Der Zwölfjährige Hohepriester

Bei meinen Recherchen in der Heidelberger Predigtforschungsstelle stieß ich auf die Darstellung des Zwölfjährigen Jesus als sitzender Gelehrter. Sie findet sich als Relief an der Kanzel der Schlosskirche von Torgau, jener Kirche, die 1544 von Martin Luther als erste reformatori-sche Kirche eingeweiht worden ist - die Kirchweihpredigt Luthers ist in der Liturgiegeschich-te bekannt; das Kanzelrelief weniger: Fritz Thum hat es im homiletisch-liturgischen Korres-pondenzblatt NF 51/1996 aufgenommen in einer Predigt zu Hebräer 8 als Ausdruck genuin protestantischer Schriftfrömmigkeit und Illustration der Kirchweihpredigt Luthers, dass diese Kirche mit dem rechten Weihwasser besprengt werde, nämlich mit dem Worte Gottes und dem Räucherfass des Gebets. „Der erhöhte Christus rettet seine Kirche vor dem Sündenfall der Banalität“ - so möchte ich die Predigt des Torgauer Kanzelreliefs umschreiben. Der Pre-diger, der diese Kanzel besteigt, wird stets daran erinnert, dass Jesus der wahre Lehrer der Kirche ist, und durch seine Lehrtätigkeit göttliche Autorität und Versöhnung übt, innere Reli-gionskritik übt und Heil für Seele und Leib. Dieser Aspekt kommt in den Seitenbildern zum Ausdruck: Die Begnadigung der Ehebrecherin mit dem Verweis Jesu auf den Sinn des ge-schriebenen Wortes (er schreibt in den Sand, im Hintergrund die Tafeln des Dekalogs); die Reinigung des Vorhofs, um den Zugang zum Allerheiligsten neu zu eröffnen (im Hintergrund die eherne Schlange als Gleichnis für den am Kreuz erhöhten Christus).

02 Juni 2009

Haus

"Hauskreise versammeln sich in häuslichem Rahmen als informelle Gruppe mit einer recht stabilen Zahl von Teilnehmern und zwar in einem dichten zeitlichen Rhythmus on ein oder zwei Wochen. Sie pflegen mit Singen, Beten, gemeinsamem Lesen biblischer Texte und Aussprache darüber ein eigenständiges Ritual, das bei aller Verschiedenheit deutlich an gottesdienstliche Vorbilder der evangelischen Kirche oder protestantischer Freikirchen angelehnt ist."
(Richard Reininghaus, Die hausgemachte Religion. Kommunikation und
Identitätsarbeit in Hauskreisen, Tübingen, 2009, S. 207).

Eine funktionale Definition von Religion lässt Hauskreise verstehen als Orte lebendigen, persönlichen Suchens nach einer christlichen Identität. So beschreibt es Richard Reiningheus in seiner Dissertation. Er hat als ehemaliger Dekan im Ruhestand württembergische Hauskreise mit religionssoziologischen Mitteln untersucht, greift ausführlich auf die ansätze von Hubert Knoblauch und anderen zurück, und bringt dem Phänomen schließlich eine große, wenngleich kritische Sympathie entgegen.

Als Kreise sind sie grundsätzlich abgeschlossen, befassen sich jedoch in der Regel mit einem außerhalb ihrer Spiritualität befindlichen „Extra Nos“ eines Textes - manchmal auch eines Themas. Bei aller - geschichtliche gewordenen (Hauskreise entstanden ursprünglich im Rahmend er evangelischen Akademikerschaft) - spirituellen Einseitigkeit, und trotz der Marginalität seiner Erscheinungsweise (321) kann dieses Phänomen zu einem Faktor der Belebung von Kirche um Umbruch werden. Es darf allerdings nicht im Interesse pastoraler Macht marginalisiert oder durch religiöse Rationalisierung ins Häretische abgedrängt werden (319)!

Potentiell haben Hauskreise Anteil an dem, was die Aufklärung mit dem „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“ intendiert hat. Diese Rolle ist erst noch zu evaluieren. Reininghaus wehrt sich gegen eine schnelle Identifikation von Hauskreisen mit den Hausgemeinden der Urchristen (226f; er spricht hier mit Johannes Zimmermann, Habil. Greifswald 2006, von „Urchristentumsromantik“) wie mit der anachronistischen Gleichsetzung mit der bürgerlichen Familie (227). Sie sind eine Schule des Denkens und des Diskutierens, erlauben gerade in einer ausgeprägten Gesprächkultur die in der Moderne so sinnvolle Tendenz zur Häresie (Luhmann) und sind grundsätzlich als Schule der Emanzipation zu verstehen, wenngleich sie sich nicht kirchlich vereinnahmen lassen.

Die Frage, ob Hauskreise Abendmahl feiern, wurde von der Württembergischen Synode im Juli 2005 negativ beschieden; sie bleibt jedoch in der Praxis offen (170).

28 Mai 2009

Religiöser Kosmos

Theissen vermittelt in seiner Hermeneutik-Vorlesung so etwas wie einen theologischen Kosmos. Von der reinen Information über sein Thema ausgehend führt er durch seine assoziativen Einsprengsel zu persönlichen Glaubensüberzeugungen, und vor allem seine Bewertungen dargestellter Positionen, zu Basics theologischer und pastoraler Existenz.

Crucifixus

Von zwei Seiten erweist sich das Kreuz als ein abstraktes Zeichen. Vom Christlichen aus betrachtet ist es das Zeichen für die inneren Vorgänge um die Kreuzigung, vom Jüdischen aus das Bild einer Lücke, einer noch nicht vollzogenen Versöhnung des jüdischen Volkes mit seinem Gott durch den Messias. Es sind vier Aspekte, die eine sachliche Identität von Thron und Kreuz begründen:

  • Man bildet das jüdische Königtum infolge seines Scheiterns in eine Theokratie um und formt den königlichen Thron Salomos zum Kreuz; indem man den bildlosen Gott annimmt und die bildhafte Struktur des Salomonischen Throns im Kreuz zur Unkenntlichkeit deformiert, nimmt man das Kreuz als zeichen dafür, dass die Aussöhnung noch nicht stattgefunden hat.
  • Christus ist König, der neue Salomo, aber er ist den Christen König, nicht den Juden; de semiotische Aspekt verweist auf die Gleichheit von Kreuz und Thron, indem sich Kreuz und Thron zeichenhaft ineinander umformen lassen; im Zeichen des Kreuzes verknoten sich die inneren Vorgänge um die Kreuzigung.
  • Christus stirbt nicht am Kreuz um sich in den Himmel zurückzuziehen, sondern um eine neue Religion zu stiften und für immer zu bleiben. ER stirbt, um mit den Tugenden der Liebe, des Gehorsams und der Duldsamkeit den Leib zu überwinden, den Menschen zu erhöhen und mit Gott auszusöhnen. Die Versöhnung besteht darin, dass der Sohn göttlicher Vater und Mensch zugleich ist und am Kreuz die Schuld auf sich nimmt und tilgt.
  • In der Form des Kreuzes ist der Stuhl ein Zeichen für die Anwesenheit wie die Abwesenheit des Messias, das Zeichen für die Negation eines paradiesischen Seins der Juden. Den Christen gibt das Kreuz eine Identität und söhnt sie mit dem Vater aus, so dass mit dem Beginn des Christentums der Weg geebnet ist, die Herrschaft Gottes auf den Menschen zu übertragen. Das Mittel zu dieser Übertragung ist der Thron in der Form des Kreuzes.

So erweist sich da Kreuz Christi als die zweite von Menschenhand geformte Gestalt auf der Suche nach einem dem Menschen angemessenen Stuhl. Es formt sich auf der Schwelle zwischen den beiden Paradiesen von Genesis und Apokalypse und wird der Umschlagpunkt, an dem den Christen das Göttliche ins Menschliche drängt. Im Kreuz erlangt das Sitzen seine abstrakteste, der Thron seine unerträglichste Gestalt.

(Hajo Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München: Hanser 1993, S. 6667)

Eine Sicht, die stark von einem religiösen Entwicklungsdenken ausgeht und ein Selbstbewusstsein pflegt, das sich als Christliches dem Jüdischen überlegen sieht. Mithin ein überraschender Blick auf das Kreuz als minimalisierter Thron, insofern ein kulturkritischer Impuls auf bürgerliches Hocken ebenso wie auf elitäres Thronen.

Ob Eickhoff als christlicher Denker gelten kann, oder nicht vielmehr aus einer vom Buddhismus o.ä. inspirierten Religionsphilosophie heraus Kulturgeschichte betreibt, sei noch zu überprüfen.

Sedativum

Sitzen ist Schwerarbeit. Seine Auswirkungen: Verfestigung der Skelettmuskulatur, reduzierte und geformte Atmung und Neuordnung der sinne zueinander. Der Stuhl fasst dabei den Sitzenden ein, legt sich wie eine Schablone auf das Vegetative und schneidet so die Physis, dass Funktionen geformt und gehemmt werden.

Das Umformen der Körperlast auf das Gesäß entlastet die Beinmuskulatur, schwächt sie aber zugleich und greift in funktionelle Zusammenhänge der Skelettmuskeln ein. Da das Sitzen die Gesäßmuskulatur chronisch verspannt und die Bein- und Rückenmuskeln schwächt, lässt sich der menschliche Lei nicht mehr dynamisch von unten nach oben aufbauen: Das Becken verliert seine stabilität auf den Hüftgelenken, die Wirbelsäule ihre Elastizität auf dem Becken, und der kopf ruht nicht mehr gut balanciert auf dem Atlas. Der Homo sedens verliert im Stehen seinen Halt und erlebt Sitzen zunehmend als Bedürfnis.

(Hajo Eickhoff, Himmelsthron und Schaukelstuhl. Die Geschichte des Sitzens, München: Hanser 1993, S. 156157)

14 April 2009

versteh...

Manfred Oeming wurde uns empfohlen: Verstehenslehre der Bibel.
Eine große Erweiterung der Einsicht. Siebzehn verschiedene Zugänge von der historisch-kritischen Exegese bis zur Existentialen Interpretation listet er auf. Ein paar spannende Zugänge zum vorhandenen Text, auch C.S.Childs lässt er Gerechtigkeit widerfahren. Sogar ein Kapitel über fundamentalistische Bibelauslegung mit liebevoll distanziertem Blick. Er findet es bedenklich in Pfarrkonvente zu kommen, in denen der historischen Tiefendimension überhaupt keine Beachtung mehr geschenkt wird. Auf keine der Methoden möchte er verzichten, wenngleich er nahezu bei jedem Zugang ein kritisches Fündlein findet.

Ich verstehe, dass er gern in IDEA Spektrum zitiert wird: Vor allem den kritischen Zugängen begegnet er mit Ideologieverdacht: die Befreiungstheologen ordnet er in einen westeuropäisch(-dekadent?)en Zusammenhang ein; Marxistische Anleihen kann er vom ideologischen Hintergrund dezidiert nicht trennen. Immerhin die Existenz der Junia als Apostelin scheint ihm als feministisches Fündlein festzustehen. Und Bibliodrama hat er offensichtlich selbst schon praktiziert.

Die Auswahl der Methode orientiert sich am Charakter des Textes, an der Person des Auslegers, aber auch an der Anwendungssituation: eine historisch-kritische Vorlesung mit Textkritik ist im Kindergottesdienst evident unangemessen; umgekehrt ist eine Erzählung für den Kindergottesdienst im Hörsaal deplatziert. Ob Theißen mit seinem "Schatten des Galiläers" wohl jemals im Hörsaal war?

sinnvoll erscheint es mir, diachrone von synchronen Wegen zu unterscheiden. Diachron sind jene Methoden, die quer zur Zeitgeschichte stehen und den Text in seiner historischen Entstehung wahrnehmen; synchron dagegen wird der Text in seiner Endgestalt wahrgenommen, seine Sprachgewalt neu erschlossen.

informativ ist die vorsichtige Einschätzung archäologischer Zugänge: archäologische Zeugnisse und altorientalische Bilder sind in den seltensten Fällen eindeutig, sondern zumeist stark interpretationsbedürftig (61). Folglich darf man sich zur Rekonstruktion der Welt der Autoren nicht wirklich von den Texten lösen (62).

zentral erscheint mir seine viergliedrige Ordnung der Verstehensmethoden:

  1. Orientierung an den Autoren und ihren Welten (historisch, sozialgeschichtlich, archäologisch)
  2. Orientierung an den Texten und ihren Welten (linguistisch, kanonisch, existential)
  3. Orientierung an den Rezipienten und ihren Welten (wirkungsgeschichtlich, tiefenpsychologisch, symbolisch, feministisch und befreiungstheologisch)
  4. Orientierung an den Sachen und ihren Welten (dogmatisch, fundamentalistisch, existential)

beim ersten Lesen irritierend: Die Entscheidung des Verlags, das Litertaurverzeichnis zu kürzen: So wir dim Text ein Buch von D.Zillesen erwähnt, das man erst findet, wenn man auf der Homepage der Universität das versprochene ausführlichere Literaturverzeichnis aufruft. Nu ja: Internet lässt grüßen :)

09 April 2009

Dynamische Bibel

Der Jude Aharon Agus wird angeführt. Er habe die neue Sicht ins Buch gefasst:
Nicht ist das Neue Testament eine Fortschreibung des Alten, noch eine Auslegung mit dem Anspruch, Kombinationen 1:1 zusammen zu führen. Vielmehr ist schon im Judentum eine Form der Schriftauslegung gepflegt worden, die sich dann in christlicher Zeit fortsetzt: Dynamische Schriftauslegung.

Das ist eine lebendige und lebensnahe Deutung von Gotteserfahrungen auf dem Hintergrund bereits schriftlich festgehaltener Früherer. Aber nicht nach dem Motto: „damals wurde etwas versprochen - jetzt wird es eingelöst“, sondern so, dass die alten Worte durch die neue Erfahrung anders geordnet, neu bezogen und zusammengestellt werden. Es entstehen stets neue Deutungen aus dem Alten heraus, von ihm mit Worten ausgestattet, aber in vollkommen neuer Gestalt. Klar: was heute passiert, ist ja noch nie dagewesen.

Es war noch nie dagewesen, dass einer im Judentum als Träger von Sünde wahrgenommen wurde. Im Grunde auch für das positive Gottesbild unerträglich: dass da Einer ins Totenreich hinab fährt, in die Verbannung der Unkenntlichkeit, geschlagen und gezeichnet mit allen Zeichen eines Geächteten; und dennoch bleib Gott ihm nah. Dynamische Schriftauslegung zur Zeit des Jesaja.

Es war eigentlich unvorstellbar, dass Gott sein Volk so der Fremdherrschaft ausliefert, wie zur Zeit der Assyrer, Griechen und Römer. Daniel erkennt dies als politische Katastrophe und hofft politisch auf den „Menschensohn“; der Psalmist betet ein persönliches, individuelles Gebet, und prägt dort die Erwartung eines Heilandes.

Es war noch nie dagewesen, dass Einer im Judentum als Gegenwart Gottes erfahren wird; jetzt haben sie es erfahren. So entstand die christliche Deutungsgemeinschaft: völlig legitim innerhalb des Judentums. Erst später wurde sie zur eigenen Religion ausgesondert; aber immer mit dem Nimbus einer größeren, besonderen Nähe zur jüdischen Mutter.

Pfingsten als genuin jüdische Gotteserfahrung, insofern die damit verbundene Irritation des strengen Monotheismus integral und genuin im Duktus jüdischer Überlieferung liegt. Das Neue Testament als eine Variante des Talmud. Jesus als politische und individuelle Erfüllung einer politischen und privaten Hoffnung, die im Judentum vorgespurt war; und eben nicht die individualistische Zuspitzung eines zuvor rein völkisch ausgerichteten Religionssystems.

Neuer Jesus

Da gibt es ein neues Bild von Jesus. Er ist nicht mehr der held des Individualismus, der dem Kollektivismus trotzt und gegen das Gesetz opponiert. Evangelium ist, dass Jesus gekommen ist, nicht aber dass er den einzelnen ins Zentrum setzt.

Die Individualisierung der Religiösen Frage fand sich schon im Judentum. Und zwar parallel zur geschichtlichen Hoffnungslosigkeit. Dort die Erfahrung, dass gegen Perser, Griechen und schließlich die römische Besatzungsmacht keine Hoffnung zu erwarten sei; hier das Scheitern des Einzelnen angesichts des Textes. Beides spiegelt sich in jüdischen Quellen: Das Politische eher in der Apokalyptik; das Individuelle eher in solchem Liedgut wie den Psalmen Salomonis. Die Erwartung eines Messias, der in beiden Sphären "Erlösung" bringt, wurde so im Judentum herausgeprägt.

Das Neue ist die Deutung der Begegnung mit der Person Jesus als eben diese Gotteserfahrung. Das Christentum ist insofern noch voll und ganz jüdische Auslegungstradition, als es dort durchaus üblich war, die Schrift im Licht neuer Gotteserfahrung neu zu deuten. Aber mit dieser Identifikation fand innerhalb des Judentums eine derart massive Veränderung statt, dass die neue Richtung abgespalten worden ist. Die Entstehung des Christentums als genuin jüdischer Vorgang? - spannend

31 März 2009

Inszenierung

Michael Meyer-Blanck nennt sein Essay über den Gottesdienst INSZENIERUNG DES EVANGELIUMS. Bei "Inszenierung" denken wir unwillkürlich an etwas Vorgespieltes, Unechtes, zur Schau Gestelltes. Stimmen aus dem Kreis der Prediger, aber auch Gottesdienstbesucher aus der Kerngemeinde äußern die Befürchtung, mit "Inszenierung" sei etwas Spektakuläres gemeint.

Dagegen wehrt sich Meyer-Blank ausdrücklich. Ihm geht es darum, aus der großen Vielfalt möglicher Verhaltensweisen eine bewusste Auswahl zu treffen, und diese dann aber auch bewusst und angemessen zu gestalten. Er bearbeitet in der Folge die "üblichen" Teile des Gottesdienstes; Experimente in einem "Zweiten" oder "Dritten Programm" werden lediglich beiläufig erwähnt.

"Beim Gottesdienst gibt es keine Trennung zwische Bühne und Zuschauerraum." (19) Das unterscheidet ihn von einem Theaterstück. Die ganze Gemeinde spielt in der Inszenierung mit, selbst wenn sie nur zuhört, kann sie doch nicht als Akteur außer Acht gelassen werden. Ist es das, was den verfechtern des Predigtgottesdienstes so Schwierigkeiten macht? Dass sie nicht als Einzelkämpfer vorn stehen dürfen, sondern die Gemeinde mitzunehmen angehalten sind?

Meyer-Blanck plädiert für eine gute Predigt, allerdings in den liturgischen Vollzug eingebettet: Er wendet sich bereits gegen eine Trennung von Predigt und Liturgie. Und den protestantischen Impuls sieht er darin, dass der Vollzug des Rituals immer zugleich mit reflektiert wird. Er betont eine reflektierende Note, gegen ein magisch verstandenes Ritual.

Die Inszenierung wird bei ihm nicht schematisch formuliert; hier denkt er den Ansatz von Felix Ritter voraus, der unsere gottesdienstliche Arbeit im Kirchenbezirk Mosbach mit begleiten wird: "Der Weg zur eigenen Theologie führt nur über das eigenständige Durchdenken, ebenso führt der Weg zum angemessenen liturgischen Agieren nur über das eigenständige Durchleben körperlicher Haltungen, wie sie auch im Gottesdienst vorkommen." (27)

27 März 2009

Lange haben wir das Lauschen verlernt!
Hatte Er uns gepflanzt einst zu lauschen
Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer,
Wollten wir wachsen auf feisten Triften,
Wie Salat im Hausgarten stehn.
Wenn wir auch Geschäfte haben,
Die weit fort führen
Von Seinem Licht,
Wenn wir auch das Wasser aus Röhren trinken,
Und es erst sterbend naht
Unserem ewig dürstenden Mund –
Wenn wir auch auf einer Straße schreiten,
Darunter die Erde zum Schweigen gebracht wurde
Von einem Pflaster,
Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr,
O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen.
Auch auf dem Markte,
Im Errechnen des Staubes,
Tat manch einer schnell einen Sprung
Auf der Sehnsucht Seil,
Weil er etwas hörte,
Aus dem Staube heraus tat er den Sprung
Und sättigte sein Ohr.
Presst, o presst an der Zerstörung Tag
An die Erde das lauschende Ohr,
Und ihr werdet hören, durch den Schlaf hindurch
Werdet ihr hören
Wie im Tode
Das Leben beginnt. (Nelly Sachs)


Ein wunderschöndes Gedicht
Gestern erlernt
Hören heischend

Nur der Schluss befremdet mich
als wäre
der Sinn von Religion
auf Todesbewältigung beschränkt

ich läse lieber:

wie im Leben
Tod erfahrend
Leben neu du gewinnst

21 März 2009

Den Hohenpriester Jesus kenne ich aus meine Kindheit. Unser Pastor sprach regelmäßig das Wort vom „großen Hirten der Schafe“ (Heb. 13, 20) zur Verabschiedung der Gemeinde. Nach dem Abendmahl sangen wir Offenbarung 1, 5-6 in der Vertonung von Julius Löwen: „Dem der uns liebt und uns von unsern Sünden gewaschen hat in seinem Blut und uns gemacht hat zu einem Königtum, zu Priestern seinem Gott und Vater.“

In meinem theologischen Studium erlebte ich eine Abspaltung dieser Bildwelt. Ich las davon, dass kultisches Denken schon bei Irenäus einen Rückfall in einen vorchristlichen Status darstellt, gleichzeitig aber erlebte und las ich pietistische Predigten, die mit Nachdruck auf die Beutung des blutigen Opfers Jesu hinwiesen. Schnell wachsenden pfingstlich-cha­ris­ma­ti­schen Kirchen halten weltweit an Einsichten fest, die die universitäre Exegese überwunden zu haben meint. Derart auseinanderklaffende Denkwelten auszustehen, lernte ich durch den Deutungsmusteransatz in der Erwachsenenbildung.

Sigrid Brandt spricht in ihrer Heidelberger Habilitationsschrift von 2001 von einer modernen Konstruktion des Opferdenkens durch die Mediengesellschaft: „Die Vermittlung und der Konsum von Opferbildern erfüllt … kultische Funktionen“, laden sie konsumerisch und religiös auf „und sei es nur im Spiel“. Sie setzt dem die Rede von der Liebe Gottes entgegen und unterscheidet (mit Paulus) zwischen Opfer als sacrifice und Opfer als victim: „Das ‚Opfer’ Christi meint nicht in erster Linie Jesu Victimisierung, sondern seine leibliche (Verkündigungs-)Existenz für den Glauben der Menschen.“ (13)

Sie stützt sich zentral auf den Hebräerbrief und versteht unter dem Opfer Christi den ganzen Lebensprozess, der mit Weihnachten beginnt, seine gesamte irdische Existenz umgreift, und sich mit der „hohepriesterlichen“ Eingang in das Himmlische Heiligtum vollendet. Das Leben Jesu wird so „zum Kommunikationsorgan des befreienden Geistes Gottes“(440) Opfer bringen „überwiegend den heilvollen Zusammenhang (1) des Lebens der Menschen aus, durch und für Gott und (2) des „Lebens“ Gottes bzw. seines Namens aus, durch und für die Menschen zur Sprache.“

15 Mai 2007

Exaudi

Johannes 14, 15-19

Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.
Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.


Ein Bogen spannt sich vom Himmel zur Erde. Wenn die Spannung erhalten bleibt, kann der Pfeil der Liebe fliegen.

Gebote verhalten sich zu Liebe wie das Holz des Bogens zur Spannschnur. Nicht die Liebe ist der Pfeil; wir sind es, die in die Welt geschickt werden.

Wir - das sind die Menschen, die Gott liebt; steiler formuliert: wir sind die Kirche. Im Protestantismus scheint alles erlaubt; und doch ist da ein Unbehagen.

Der "lebendige Gott" wird die Kirche am Leben erhalten.

10 Februar 2006

Muehle predigt

1 Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. 2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, 5 damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.
6 Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.« 10 Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.
1 Kor 2, 1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

was wirklich weise ist, bleibt unseren Augen verborgen.
Was wir aber wissen, ist dies:
Gottes Weisheit ist von einer unheimlichen Ausstrahlungskraft,
dass es sich lohnt, dafür zu sterben.

Der Beweis ist Jesus.
Zum Sterben schön war ihm das Leben, das Gott ihm geschenkt hat.
Zum Sterben schön war ihm die Gemeinschaft mit seinen Jüngern,
zum Sterben schön die Hochzeit von Kana – er hat mitgefeiert, leidenschaftlich,
gegessen, getrunken. Aber es war ihm klar: er war nicht nur wegen dieser Hochzeit da,
sondern wegen etwas, das wunderbarer
und heimeliger war als alles familiäre und gesellige Feiern.
Am Ende der Geschichte war es das Wunder, da keiner von uns begreift.

Das Leben ist schön.
Sonst hätten wir es schon längst aufgegeben, selbst zu leben.
Es muss etwas dran sein, dass uns immer noch Sinn gibt.
Das Leben ist von Gott verklärt, ist uns aufgetragen,
aufgegeben, dass es sich auflöse. Und wir bleiben
in der Erwartung, dass das oftmals unlösbare Rätsel unseres Daseins sich auflöst,
dass es sich klärt, und deutlich wird,
sich uns erklärt und verdeutlicht,
dass sich der Nebel lichtet und wir dessen gewahr werden:
Es hat einen Sinn, eine Schönheit, eine tiefe Verankerung,
ist nicht nur Leiden, sondern auch Schauen,
ist nicht nur Klagen, sondern auch Singen,
ist nicht nur Wasser, sondern Wein.

Ich habe diese Woche begonnen, ein Buch zu lesen, das mir mein Sohn aufgetragen hat.
Schon allein dieser Umstand ist reizvoll für mich und trägt in sich einen eigenartigen Schimmer. Dass er beim Abschied nach Weihnachten sagte: Papa, das haben wir in der Schule gelesen. Ich möchte, dass du es auch liest. Ich lass es dir hier.
Der Titel hat mir gesagt und erklärt, warum.
Es lag eine ungeheure Wertschätzung darin.
Mein Sohn meinte, er müsse dieses Buch mit mir teilen.
Und wollte, dass ich mich auf ein Gespräch mit ihm darüber vorbereite.
Weil es nicht nur sein und seines Lehrers, nicht nur seiner Schule
und seiner Klasse Buch geworden ist, sondern weil es uns miteinander verbindet,
und genau das im Titel trägt, was uns eint und gleichzeitig trennt.
Das Buch, das mir mein fünfzehn- bald sechzehnjähriger Bub zum Lesen aufgetragen hat,
heißt „Jugend ohne Gott“ von Ödon von Horvat.

Ich weiß nicht, wer von Ihnen dieses Buch kennt.
Zu meiner Schulzeit gehörte es nicht zur Pflichtlektüre.
Ich hatte zwar davon gehört, zu lesen hab ich aber jetzt erst angefangen:
„Jugend ohne Gott.“ Ich hab natürlich erst einmal gerätselt, was das für ein Schriftsteller ist.
Und warum er einen solchen religiösen Titel wählt. Ich hab dann schnell, bei den ersten Zeilen schon, gemerkt, es geht um jene Generation, die aus Zwang gottlos aufgewachsen ist: Die Kinder der 1920er und 1930er. Deshalb „Jugend ohne Gott“, weil es damals verpönt gewesen ist, von Gott zu reden und sich als Christ zu engagieren. Der Autor, oder sagen wir besser seine Hauptfigur, definiert sich selbst auch nicht als Christ. Er sagt, er habe Gott verlassen. „Es war im Krieg, da habe ich Gott verlassen . Es war zuviel verlangt von einem Kerl in den Flegeljahren, dass er begreift, dass Gott einen Weltkrieg zulässt.“ Es ist also eine solche Figur, die an jenem ersten schrecklichen Horrorkrieg teilgenommen hat, in dem Viele zu Atheisten geworden sind. Über den Bomben, den unsäglichen Stellungskriegen, der Sinnlosigkeit, die schon im Kriegsbeginn begründet gelegen ist. Über den zerstörten Hoffnungen eines wärmenden, bergenden Nationalgefühls, das so viele in die Wirren des Schlachtfeldes führte. Über der schrecklichen Einsicht derer, die ein wenig über den Horizont der Propaganda hinaus schauten, und feststellten, dass weder Kanzler noch Kaiser vertrauenswürdig regierten, sondern allein das aufkommende internationale Kapital. Letztlich auch über der unsäglichen, den Krieg mit vorbereitenden, Kanzelrede vieler Protestanten, die das Opfer für Volk und Vaterland über den Frieden Jesu stellten, und dies mit einer derartig verblendeten Klarheit predigten, dass es scheinbar keine plausible Alternative dazu gab.

Der Dichter, oder besser seine Hauptfigur jedenfalls hatte für sich beschlossen, sich von dem Glauben seiner tief religiösen Eltern abzuwenden und Gott zu verlassen. Und nun tut sich ein tiefer Graben auf, zwischen denen, die als Jugend ohne Gott aufwachsen, die er betreuen und unterrichten will, und ihm, der selbst ganz bewusst beschlossen hat: Gott – ohne mich. Die Gottlosigkeit hat sich vervielfältigt, geradezu potenziert. Und in ihrer unmoralischen Schlagkraft fällt sie ganz auf ihn zurück. Sein letztes Quäntchen Humanität verliert sich, glitt ihm aus den Fingern. Dreht sich wider ihn, als inhumane Fratze derer, die keinerlei Moral, keine festen Werte mehr haben. Verführt und verderbt von jenen, denen der Krieg der Vater aller Dinge gewesen ist. Teuflisch!

Manche von Ihnen kennen dieses Buch vielleicht besser als ich, und können auch eine genauere Deutung anbieten. Aber lassen Sie mich ein wenig darüber nachdenken, gerade weil ich es unter den geschilderten Umständen eben neu entdeckt habe. Ich zeige damit vielleicht auch eine Bildungslücke – aus heutiger Sicht ist es schrecklicher Mangel, dass ich es nicht früher gelesen habe. Aber die Freude des Entdeckers fasziniert mich, und kann vielleicht auch Sie motivieren, das Stück einmal neu hervorzuholen. Was ich bisher gefunden hat, das gehört so gut zu dem, was meine Predigt sagen will, dass ich vielleicht anhand dieser Lektüre ein wenig besser darstellen kann, was heute für uns Gottes Wort ist:
Geheimnisvoll, unheimlich, zum Sterben schön.

Der Autor, oder besser gesagt seine Hauptfigur, ist Lehrer von Beruf. Genauer von Berufung. Denn ein innerer Ruf hat ihn dazu geführt, diesen Beruf zu ergreifen. „Lieber als Arzt wollte ich Lehrer werden. Lieber als Kranke heilen, wollte ich Gesunden etwas mitgeben, einen winzigen Stein für den Bau einer schöneren Zukunft.“ Was ist das doch für eine wunderschöne Beschreibung. Wenn ich so schwärme, möchte ich nichts gegen den Beruf des Arztes sagen. Solche Sätze sind ja auch niemals absolut, sondern sehr subjektiv empfunden. Sollen nicht andere aburteilen, sondern die eigene, innere Motivation ans Licht bringen. Und gerade diesen Satz müssen wir in seiner Subjektivität einfach einmal stehen lassen. Sicher berührt das, was er als Grund anführt, den Lehrerberuf zu ergreifen, auch Momente eines Arztes, eines medizinischen Lebensbegleiters. Und vieles, was unsere Lehrer heute in den Schulen erleben, erfordert Kenntnisse in der Heilkunst. Für ihn aber, im Moment seiner beruflichen Wahl, stand da ein Gegensatz, eine Alternative: Er wählte den Lehrerberuf, weil er weniger mit kranken Menschen an ihren biologischen und psychischen Mängeln arbeiten wollte, sondern mit grundsätzlich Gesunden zusammen sein und ihnen ein wenig im Leben weiter helfen.

Und wie bescheiden er doch seine Worte wählt. Nicht dieses gewaltige Bildungsgehabe, nach dem ich der weise Gelehrte bin, der seinen Schülern, als wären sie leere Gefäße, die Honigmilch der Bildung einflößt. Nein, ein wenig, einen winzigen Baustein, das war alles, was er erhoffte, den Kindern ins Leben mitzugeben. Und dann erlebt er, dass ihm dies Alles genommen wird. Ausgerechnet in dieser biblischen, geradezu jesuanischen Bescheidenheit geschieht ihm das, was auch dem Apostel geschehen ist: Es gleitet ihm aus den Fingern. Ja, er selbst hat sich nicht mehr im Griff.

Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes.

Es beginnt damit, dass er ganz leise versucht anzumerken,
Neger seien doch schließlich auch Menschen.
Einen Satz, der für uns heute in keiner Weise mehr eine Provokation darstellt.
Damals kostete es ihm beinahe den Beruf.
Beinahe – denn den Beruf behielt er,
was er aber verloren hat, mehr und mehr,
das war sein berufliches Ethos.
Seine Dynamik, seine ursprüngliche Kraft und Motivation,
ist ihm vollkommen verloren gegangen.
Hohe Worte und hohe Weisheit,
das war in jener Zeit der Konsens der National gesinnten,
über die wir heute nur ein bitteres Lächeln verlieren.
Heute sind die totalitären Kräfte anders gelagert,
jede Generation hat ihre eigenen Schwächen
und auf ihre Weise den Widerstand auszumachen.
Der unchristliche Common Sense steht auch heute
oft unter dem Vorzeichen einer christlichen Politik
oder unter dem Deckmantel der Freiheit.
Wer dort opponiert, der erlebt,
wie ihm die Dinge zerredet, wie gegen ihn intrigiert
und seine Autorität untergraben wird.
Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen
als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten.

Ödon von Horwath’s „Jugend ohne Gott“ ist ein Versuch,
dieses Zerbrechen nachzuzeichnen
am Beispiel eines Menschen in einer Epoche unserer Geschichte,
da der Glaube unter einem totalitären System zu ersticken drohte.
Und am Ende geschieht,
Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat
und in keines Menschen Herz gekommen ist,
ein Mensch, dem das gesamte Lebenskonzept entglitt,
findet zu Gott zurück.
Nicht weil er sich bekehrt hätte,
nicht weil er ein Übergabegebet gesprochen,
oder die Vier Geistlichen Gesetze gelesen hätte und angewendet,
nein, so einfach ist das nicht.
Es bleibt verwunden und hinein gebunden
in zaghafte Fragen und Selbstzweifel.
Es bleibt fraglich und zerbrechlich,
eben so, wie sein Leben fraglich und zerbrechlich geblieben ist.
Und zwar bis zum Schluss.

Die Wende, die sich innerhalb dieser Geschichte abspielt,
geschieht nahezu unmerklich:
„So schaut Gott zu uns herein“, heißt es in einer der letzten Zeilen,
„so schaut Gott zu ns herein, muss ich plötzlich denken. Einst dachte ich, er hätte tückische, stechende Augen –
Nein, nein!
Denn Gott ist die Wahrheit.“

Ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Das ist ein Wort, das wir nicht nur über Paulus,
sondern auch über Jesus sagen können.
Denn auch dieser Jesus entsprach in seinem Tun und Handeln
nicht dem Common Sense seiner Zeit.
Alles was er tat, war in der Religion der Juden vorgeprägt,
deshalb stieß er beim Volk auf große Resonanz.
Sie folgten ihm, weil sie erkannten:
Was sagt, ist wahr.
Aber den Interessen der Hohenpriester
entsprach es nicht.
Und sie fanden immer ein Bibelwort,
ja sogar einen Beleg in der Tradition,
um ihn zu verurteilen.

Die Weisheit des Kreuzes
ist ein Geheimnis,
ist eine Wahrheit, die meist quer steht
zu den Meinungen der Öffentlichkeit.
Auch quer zu ihren religiösen Meinungen.
Ist nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.
Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist.
Ein wenig wurde das Geheimnis gelüftet
in jener Nacht, die zwischen Karfreitag und Ostern liegt.
Aber noch für Paulus blieb es Geheimnis.
Gott hat Jesus bekräftigt, aber wir haben ihn nicht im Griff.
Wir müssen das Risiko wagen,
und warten, dass der Geist sich offenbart.
Dass er uns sich offenbart.
Zum Sterben schön.
»Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat
und in keines Menschen Herz gekommen ist,
was Gott bereitet hat
denen, die ihn lieben.«

Vielleicht müssen auch wir
Durch solche Tiefen gehen,
Tiefen des Zweifels, auf der Suche nach Wahrheit,
damit Gott uns seine Schönheit offenbart.
„durch seinen Geist;
denn der Geist erforscht alle Dinge,
auch die Tiefen der Gottheit.“

Der Held in Ödon von Horvat’s „Jugend ohne Gott“
wird am Ende Entwicklungshelfer in Afrika.
Vielleicht ist das das Geheimnis.
Denken wir dem nach, wenn wir jetzt
das Jesuslied singen: „Er ist der Morgensterne“. Amen.